Gerechtigkeit


Wie läßt es sich rechtfertigen, daß ein kleiner Teil der Menschheit (etwa ein Fünftel) mit seinen Energiesklaven den größten Teil des irdischen Lebensraums (etwa vier Fünftel) besetzt und damit 80 Prozent der Menschen auf der Erde das ihnen Zustehende vorenthält? (Diese Feststellung bezieht sich auf den "ökologischen Fußabdruck", also mit anderen Worten auf den Anteil an den Ressourcen und Lebenserhaltungssystemen der Erde, die die Industrieländer für ihren Lebensstil beanspruchen). Mit welchem Recht erlaubt sich ein Land mit viereinhalb Prozent der Erdbevölkerung (USA) einen Beitrag zum Treibhauseffekt, der bei 20 Prozent der Gesamtbelastung liegt?

Schon heute kann man erkennen, dass die Klimaveränderung am härtesten die ärmeren und ärmsten Länder der Erde treffen wird. In vielen dieser Länder, vor allem in Afrika und Südasien, leben große Teile der Bevölkerung in Gebieten, in denen einige Dürrejahre oder große Überschwemmungen die ohnehin marginalen Überlebensbedingungen zerstören. Dazu kommt, dass diese Länder, im Gegensatz zu den entwickelten Industrieländern, keine Mittel haben, um sich gegen die Auswirkungen der Erwärmung zu schützen.

Durch diese Entwicklungen werden sich unvermeidlich die Wanderungsbewegungen aus den Ländern, in denen es immer weniger Hoffnung gibt, von Jahr zu Jahr verstärken.

Auch der Terrorismus  findet einen fruchtbaren Nährboden, wenn die Folgen des Klimawandels die "gefühlte Aufteilung der Welt in Gewinner und Verlierer" verschärft. "… der islamische Terrorismus wird desto weniger Nachwuchsprobleme haben, je kleiner die Welt kommunikativ und je größer die Diskrepanzen zwischen zwischen den Wohlstands- und Überlebensniveaus werden. Hier bildet der Klimawandel keine Gewaltursache, wohl aber Gewaltanlässe - wobei Fragen der Gerechtigkeit eine immer wichtigere Rolle spielen werden, und zwar solche der zwischenstaatlichen wie der generationellen Gerechtigkeit" (Welzer 2008:179).

Eine Zuteilung von CO2-Budgets und deren allmähliche Zusammenführung auf ein für alle Menschen gültiges Niveau könnte gewiss nicht in jeder Hinsicht Gerechtigkeit schaffen - aber sie wäre ein revolutionärer Schritt hin zu einer gerechteren Weltgesellschaft. Das Prinzip "Ein Mensch, ein CO2-Emissionsrecht" zeigt den Weg in die globale Landreform, in der die einen ihre Ansprüche so weit beschränken, dass den anderen Raum bleibt oder frei gemacht wird zum Leben.
 
"Die Fortschreibung beliebig großer Unterschiede in den Lebenschancen der Menschen, wie sie heute gegeben sind, ist nicht friedensfähig, sie führt zu Kinderprostitution, Ausbeutung, Umweltfrevel, Sozialdumping. Diese Art von Export ist nicht zu verhindern und resultiert unmittelbar aus dem prinzipiellen Gefälle, es sei denn, man führt weltweit vergleichbare Lebenssituationen herbei. Anderenfalls wird man immer wieder Verhältnisse haben von der Art, wie wir sie heute mit all ihren negativen Auswirkungen beobachten. Klar ist dabei, daß weltweite Verhandlungslösungen nur schwer zu erreichen sind. Sie setzen voraus, daß die reichen Länder den übrigen Staaten attraktive Angebote machen. Wir müssen bereit sein, über einige Generationen den Wohlstand gerechter zu verteilen, damit sich die ärmeren Länder an einer Verhandlungslösung mit dem Ziel gleicher Lebensverhältnisse in einigen Generationen beteiligen" (Radermacher, Q101).