Modernisierungsmodell


Man braucht nur wenige Leitindikatoren heranzuziehen, um zu erkennen, daß die Produktionsweise und der Lebensstil, den sich die Industrieländer leisten, nicht verallgemeinerbar ist. Das heißt, dass die Modernisierungsanstrengungen der Schwellenländer von vorherein zum Scheitern verurteilt sind (auch wenn sie, falls sie sich dem Ziel auch nur nähern könnten, die führenden Industrieländer mit in den Abgrund reißen würden). Wenn andere Teile der Welt unsere Lebensverhältnisse erreichen sollten, würde sich allein in China und Indien der Energieverbrauch verfünffachen, der Bestand an Kraftfahrzeugen um eine halbe Milliarde vergrößern. Demzufolge würde die CO2-Emission weltweit auf mehr als das fünffache steigen, was eine globale Erwärmung und Klimaveränderung zur Folge hätte, die man nicht mehr auszumalen braucht. Die Stoffströme, die vom Menschen in Bewegung gesetzt werden und massiv auf die Prozesse der Ökosphäre einwirken (heute in der BRD über zwei Milliarden t pro Jahr), würden bei einer Weltbevölkerung von 9 bis 10 Milliarden im Jahr 2050 auf das Siebenfache steigen anstatt auf das ökologisch verträgliche Maß halbiert zu werden. Beim heutigen Konsumniveau verbraucht die Menschheit bereits 40 % der Nettoprimärproduktion auf dem Land, d.h. der gesamten pflanzlichen Biomasse, die unter Nutzung des Sonnenlichts durch Assimilation gebildet wird. Lange bevor die übrigen Länder den Lebensstandard der Industrieländer erreicht hätten, wäre die gesamte Nettoprimärproduktion verbraucht, die Erde, mit anderen Worten, von ihren menschlichen Bewohnern bis auf den letzten Grashalm kahlgefressen.

Diese Tatsache ist den Führungseliten der Schwellenländer natürlich nicht unbekannt. Selbst, vielleicht sogar gerade in China gibt es Stimmen aus den Reihen der Führungskader, die erkennen lassen, dass die Probleme der Umweltzerstörung mit großer Sorge wahrgenommen werden. Aber trotz der vorhandenen Einsicht kann die Parteiführung den Modernisierungsprozess nicht aufhalten - sie würde einen solchen Kurswechsel nicht überleben. Möglich wäre ein solcher Kurswechsel nur, wenn die fortgeschrittenen Industrieländer ein Modernisierungsmodell anbieten könnten, das das Prinzip der Nachhaltigkeit verinnerlicht hat und gleichzeitig demonstriert, dass auch unter einem solchen Modell ein Leben ohne Armut und Elend und mit einem bemerkenswerten Maß an Komfort und Lebensqualität möglich ist.

Ein solches Modell können natürlich nur die reichen Länder entwickeln - sie hätten es in den letzten dreißig Jahren entwickeln können und müssen (Die Grenzen des Wachstums erschien 1972). Wenn wir Glück haben, ziemlich viel Glück, ist es noch nicht zu spät.