Ausstiegsszenario: Einstieg in die nach-industrielle Solarwirtschaft

Anm. In Kapitel 8 (Zurück in die Zukunft) werden zwei Szenarien gegenübergestellt:
1. Weiter so bis zum Crash: Was passiert, wenn nichts passiert und
2. Ausstieg aus dem Crash: Einstieg in die nach-industrielle Solarwirtschaft

Das Szenario 2 (Ausstieg aus dem Crash) ist keine Vision, an die man nur zu glauben braucht, damit sie sich verwirklicht, sondern sie skizziert, wie die Welt 2030 oder 2040 aussehen könnte, wenn die Bedingungen für eine auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit gerichtete Entwicklung geschaffen werden.

Energieversorgung
° Die Energieversorgung ist weitgehend auf Sonne umgestellt. Die Warmwasserbereitung wird fast überall mit Sonnenkollektoren besorgt. Die erforderliche Heizenergie ist durch Solararchitektur und Isolierung bereits drastisch reduziert; was noch an Wärme benötigt wird, wird von Sonnenkollektoren und als Fern- (richtiger: Nah-)Wärme von Blockheizkraftwerken geliefert.

Schon 1993 gab es Modellhäuser, die so zweckmäßig gestaltet und so gut isoliert waren, dass sie nur noch ein etwa 7 Prozent der Heizenergie brauchten, die in einem normalen Haus verfeuert werden muss (Passivhaus Darmstadt-Kranichstein, s. Q85). Mit Hilfe des CO2-Budgets wurden solche Bauweisen in wenigen Jahren zum Standard.

Blockheizkraftwerke und Einzelheizungen werden, soweit dies im Winter zusätzlich nötig ist, mit Holzpellets gefüttert.

Heizen mit Holz

Heizen mit Holz ist CO2-neutral. Das nachwachsende Holz nimmt das freigesetzte CO2 wieder auf. "Holzpellets bestehen zu hundert Prozent aus naturbelassenem Holz. Als Rohstoff dienen Hobel- und Sägespäne, die in der holzverarbeitenden Industrie als bisher schlecht genutztes Nebenprodukt in großen Mengen anfallen. Ohne Zugabe von Bindemitteln wird der unbehandelte Rohstoff unter hohem Druck verdichtet und pelletiert. Es entstehen kleine zylindrische Röllchen" - leicht zu handhaben, und keine schweißtreibende Mühe beim Sägen und Spalten (Q77).

° Licht und mechanische Energie: Alle geeigneten Flächen von Gebäuden (Dächer und Fassaden) sind mit Solarzellen zur Stromerzeugung bedeckt. Der Strom für die sonnenlose Zeit wird durch Kraft-Wärme-Kopplung in Blockheizkraftwerken gewonnen, die mit Biomasse und Gas aus Verschwelung und Vergärung organischer Abfälle und mit Pflanzenöl betrieben werden. Pflanzenöle, Biogas, Wasserstoff und Methan dienen als Energiespeicher und liefern die mechanische Energie für mobile Anwendungen, die nicht mit Solarstrom betrieben werden können.

In gemäßigten Zonen wird die direkte Sonnenergienutzung mit Solarkollektoren und photovoltaischen Anlagen durch mehr Wasser- und Windkraft ergänzt, in Südostasien mehr durch Holz und landwirtschaftliche Abfälle; in Afrika und im Nahen Osten bestreitet die direkte Sonneneinstrahlung den Löwenanteil.

Durch die Begrenzung des CO2-Budgets ist die Photovoltaik, die die Energieversorger jahrzehntelang als "unwirtschaftlich" abgetan hatten, mit einem Schlag konkurrenzfähig geworden. Innerhalb weniger Jahre sank der Preis für ein großzügig bemessenes Solarkraftwerk von 4 kW für einen Vier-Personen-Haushalt von 15 000 auf 3000 Euro. In den Übergangsjahren gab es Wartezeiten auf Photovoltaik-Anlagen von bis zu zwei Jahren.

Die Förderprogramme des Staates und der Kommunen für erneuerbare Energien wurden selbstverständlich eingestellt, aber rein rechnerisch hätte die flächendeckende Ausrüstung der Republik mit mit Solaranlagen von den öffentlichen Haushalten bezahlt werden können - aus den durch die Reduzierung des Treibhauseffekts vermiedenen Schäden.

Ein beträchtlicher Anteil der in Europa benötigten Elektrizität wird als Windstrom aus Sibirien und Kasachstan, ein weiterer großer Anteil als Solarstrom aus Nordafrika importiert. Dort sind die natürlichen Bedingungen für die Erzeugung von Solarstrom sehr viel günstiger als in nördlichen Breiten (3000 anstatt 1500 Sonnenstunden im Jahr). Wenn die Energiekooperation mit den nordafrikanischen Ländern fair und vorausschauend gestaltet wird, kann sie für die Exportländer eine hohe Entwicklungsdividende abwerfen. "Indem die dezentrale Erschließung energetischer Potenziale ländliche Lebensverhältnisse verbessern hilft, kann sie zugleich Teil einer Entwicklungsstrategie werden, die den Abwanderungsprozess in die Elendsquartiere der ausufernden Megastädte in nachkolonialen Regionen beschränken" (Q101).

° Solar Clubs und Solarvereine, wie es sie schon 1998 in Bristol oder in Rosenheim gab, sind so selbstverständlich an jedem Ort zu finden wie Sportvereine und Freiwillige Feuerwehr. Sie veranstalten Selbstbaukurse, haben eigene Werkstätten, in denen Mitglieder schwierigere Arbeiten machen können, verleihen Spezialwerkzeug, stellen Berater zur Verfügung, die auch die fertigen Anlagen prüfen und abnehmen. Außerdem finden sich dort Gleichgesinnte, die sich bei ihren Energieprojekten gegenseitig helfen.

° Saubere, aus Sonne, Wind und Pflanzen erzeugte Elektrizität ist dabei, Kohle, Erdöl und Erdgas vollständig abzulösen. Eine neue Verbundwirtschaft bringt Windstrom aus Sibirien, Kasachstan und Mauretanien und solaren Wasserstoff oder Strom aus der Sahara nach Europa. Die Speicherkapazität und die Ladezyklen von Batterien sind so weit verbessert worden, dass der tagsüber und bei günstigen Windgeschwindigkeiten erzeugte Strom problemlos gespeichert werden kann. Autos, die mit diesen leistungsfähigen und preisgünstigen Batterien ausgestattet sind und voll elektrisch betrieben werden, werden überall in Garagen und auf Parkplätzen routinemäßig an das Netz angeschlossen und dienen so bei Stillstand als gigantischer verteilter Energiespeicher. Die fossilen Energieträger mit ihren verheerenden Nebenwirkungen für die menschliche Gesundheit, für das Klima und für alles Leben auf der Erde werden inzwischen als eine der kardinalen Verirrungen des Industriezeitalters empfunden.

Andererseits gehört die Elektrizität (zusammmen mit den in Umlauf befindlichen Metallen) zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der vergangenen Epoche. Sie ist nicht nur eine saubere, überall erzeugbare, universal einsetzbare Energieform, sondern sie ist auch die Voraussetzung für die Mikroelektronik. Die elektronische Sensorik, Kommunikation, Informationsverarbeitung und Steuerung sind zur wichtigsten Technik für eine behutsame, den natürlichen Prozessen angepasste Gestaltung des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur geworden.

Umweltverträgliche Technik
° Effizienzverbesserungen, die schon mit dem Stand der Technik der Jahrhundertwende (ohne bahnbrechende technische Erfindungen und Entdeckungen) möglich waren, haben sich durchgesetzt:

- Beleuchtung mit dreifachem Wirkungsgrad.
- Häuser brauchen noch ein Drittel der Energie der sparsamen schwedischen Häuser von 1990.
- Effizienzverbesserung von Elektromotoren und elektronische Steuerung haben hunderte von Kraftwerken überflüssig gemacht.
- An die Kernenergie würde sich niemand mehr erinnern, wenn es nicht noch immer radioaktive Altlasten zu entsorgen gäbe.
- Der Kühlschrank und die Kühltruhe in Amory Lovins' Rocky Mountain Institute brauchten schon in den 90er Jahren nur 8 bzw. 15 % des üblichen Stroms (Weizsäcker/Lovins 1995:40).
- Obwohl es schon Ende des Jahrhunderts Automodelle mit einem Verbrauch von 3 Liter pro 100 km gab, lag der Durchschnittsverbrauch immer noch bei neun Litern. Durch die Ultraleichtbauweise und ein komplettes Redesign, wie es von Lovins vorgeschlagen wurde, konnte der Verbrauch auf ca. 1,5 l bzw. 15 kWh pro 100 km gedrückt werden (Weizsäcker/Lovins 1995: 36). Ein Sportwagen der Spitzenklasse, der diesen Verbrauch unterbot, kam bereits 2007 auf den Markt (Tesla).

° Einfache, praktisch wartungsfreie Anlagen machen es möglich, selbst in Trockengebieten mit minimalen Regenfällen Wasser mit Solarenergie aus der Luft zu gewinnen. Die Anlagen, die schon Ende der 90er Jahre in der Entwicklung waren, saugen in der Nacht die Feuchtigkeit aus der Luft und binden sie an ein "Gemisch aus verschiedenen Polymeren, aus Kohle und aus sogenannten Zeolithen - das sind porendurchsetzte Silikate... Mit Hilfe von Energie aus Sonnenkollektoren und aus Windkraftanlagen speit das Adsorbens nach Erhitzen das Wasser wieder aus - über Kondensationsrohre in Behälter, denen es dann entnommen wird" (Q89)

Recycling
° Um die Jahrtausendwende wurden noch zwei Drittel des Aluminiums, die Hälfte des Papiers, drei Viertel des Stahls und vier Fünftel der Kunstsstoffe auf den Abfall geworfen.

Jetzt werden Rohstoffe so weit recycliert, wie es technisch überhaupt möglich ist - frische Rohstoffe sind CO2-mäßig unerschwinglich geworden. Die Aluminium-Herstellung aus Schrott verbraucht nur 5 % der Energie gegenüber Aluminium, das aus Bauxit gewonnen wird. Bei der Stahlherstellung aus Schrott beträgt die Energieeinsparung ca. 60 %. Bei der Herstellung von Papier aus Altpapier werden nicht nur 25-60 % Energie eingespart, sondern gleichzeitig die Wälder und das Wasser geschont.

Die größten Einsparungen resultieren jedoch nicht aus Recycling, und auch nicht aus der reduzierten Produktion von Abfällen, sondern aus dem sinkenden Verbrauch: Da die Güter auf Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit angelegt sind, halten sie drei bis zehnmal so lang wie die auf maximalen Durchsatz optimierten Konsumgüter der Verschwendungswirtschaft (§§s. L34 Kreislaufwirtschaft §§).

Wiederverwendung: Teuer (in real terms) ist nicht mehr die Arbeit, sondern das Material. Daher ist es unvorstellbar geworden, dass man wie im letzten Jahrhundert Gebäude mit der Abrissbirne niederreißt und alles - Dachpfannen, Holzbalken, Stahlträger, Fenster, Türen, Dachrinnen (alles noch bestens erhalten) auf die Deponie fährt. Das (in real terms) radikal veränderte Kostenverhältnis zwischen Arbeit und Lagerfläche einerseits und Energie und Material andererseits hat zur Folge, dass Baustoffe aussortiert, gelagert und wiederverwendet werden.

Kreislaufwirtschaft
° Die vorgenannten Punkte Recycling, Einsparung, Wiederverwendung sind Elemente einer Kreislaufwirtschaft (s. Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeitstest), die in der Zeit der Verschwendungswirtschaft (1996) schon einmal per Gesetz eingeführt wurde. Das Gesetz hatte damals keine Chance - in einem ressourcenbegrenzten Regime dagegen verwirklicht sich die Kreislaufwirtschaft ganz von selbst ohne gesetzliche Vorschriften und Auflagen, ganz einfach deshalb, weil sie der puren ökonomischen Vernunft entspricht.

Die meisten Wirtschaftsprozesse sind in einer früher ungekannten Weise miteinander vernetzt: Das Zero-Emissions-Konzept (s. u.) hat sich flächendeckend durchgesetzt. Der Abfall eines Produktionsprozesses wird solange als Input für eine andere Produktion verwendet, bis nur noch sauberes Wasser oder CO2 (in Höhe des eingesetzten Kohlenstoffs) in die Umwelt abgegeben werden. Was 1998 noch als Pioniertat galt, ist zum selbstverständlichen Stand der Technik geworden, wie z.B. die Zero-Emission-Brauerei.

Zero Emission in Aktion

In der traditionellen Brauerei wird dem Malz (das aus Gerste oder Weizen hergestellt ist) lediglich der Zucker entzogen, die Proteine und die Fasern sind ein Abfall, der ans Vieh verfüttert wird. Das klingt zwar nach ökologischer Wiederverwendung, führt jedoch in Wahrheit zu einer schlimmen Art von Emissionen: Methan aus Rindermägen. Das liegt daran, dass die Rinder die Ligninfasern aus dem Malz nicht abbauen können.

In der Zero-Emission-Brauerei werden die Brauabfälle ausgebreitet und mit Pilzkulturen geimpft, die mit ihren Enzymen die Fasern abbauen können. Aus einer Tonne Brauereiabfall werden zwischen zweihundertfünzig und sechshundert Kilogramm Pilze, die die Fasern teilweise in Kohlehydrate umgewandelt haben. Wenn die Rinder mit diesen Pilzen gefüttert werden, reduziert sich ihre Produktion von Methangas um dreißig bis vierzig Prozent (Q95).

° Durch die CO2-Anlastung hat sich der Papierverbrauch in den Industrieländern (1997: Deutschland 200, Japan 230, USA 320 kg pro Kopf) halbiert, vor allem durch den drastischen Rückgang der Papierverschwendung im Bereich Verpackung und Werbung. (Am Ende des Jahrhunderts hatte man geschätzt, dass er sich innerhalb von 15 Jahren noch einmal verdoppeln würde (Q29)). In den Entwicklungsländern hat der Anstieg aufgehört. Etwa die Hälfte des Holzverbrauchs in den USA wurde eingespart, indem "man den Ausnutzungsgrad von Sägewerken und Fabriken zur Sperrholzherstellung sowie von Holzkonstruktionen verbessern, die Recyclingquote für Papierprodukte verdoppeln und den Gebrauch von Wegwerfverpackungen aus Holz, wie etwa für Verpackungen, reduzieren" konnte (Meadows 1992:90).

Land- und Forstwirtschaft
° Der Holzexport der Entwicklungsländer ist nicht zum Stillstand gekommen, sondern er verlagert sich (bei geringerem Volumen) auf Tropenholz aus Plantagen, die nicht auf Kosten bestehender gesunder Wälder, sondern auf Einschlagflächen und Brachland angelegt wurden. Die Subventionierung des Holzeinschlags hat aufgehört, weil es für die Exportwirtschaft aufgrund der hohen CO2-Kosten bei der Rodung von Primärwäldern nichts mehr bringen würde. Die Preise der Holzprodukte sind beträchtlich gestiegen (zumal die Urprungsländer nicht mehr Stämme, sondern verarbeitete Produkte ausführen), dadurch ist der Holzverbrauch zurückgegangen, und die Einschlagmengen sind unter die Grenze der Nachhaltigkeit gefallen. "Alle hier vorgeschlagenen Maßnahmen sind durchführbar. Jede einzelne wird schon irgendwo auf diesem Planeten praktiziert, aber eben nicht weltweit. Deshalb gehen die Wälder weiter zurück", schrieben die Autoren der Neuen Grenzen des Wachstums (1992). In der ressourcenbegrenzten Wirtschaft steht diesem vernünftigen Umgang mit dem Naturvermögen nichts mehr im Wege, weil alles andere wirtschaftlich unsinnig geworden ist.

Die Anlage von Palmölplantagen nimmt nicht ab, sondern eher zu: Pflanzenöle aller Art sind zu den wichtigsten Exportgütern der tropischen und subtropischen Länder geworden. Sie können auf fast allen Gebieten, als Treibstoffe ebenso wie als Rohstoffe für Fette, Kosmetika und Waschmittel das klimaschädliche Erdöl ersetzen. Es werden allerdings in wachsendem Umfang nicht die Rohstoffe, sondern die Zwischen- und Veredelungsprodukte exportiert, wodurch ein größerer Anteil der Wertschöpfung in den Exportländern verbleibt. Aufgrund der CO2-Belastung können ohnehin keine Massengüter mehr von Kontinent zu Kontinent transportiert werden. Ein weiterer großer Unterschied: die Pflanzenölplantagen werden, im Gegensatz zu den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen z.B. in Indonesien stündlich Wälder in der Größe von 1000 Fußballfeldern durch Brandrodung zerstört wurden, nur noch auf Flächen angelegt, die bereits gerodet sind und aufgeforstet werden müssen. Ausgefeilte Zertifizierungssysteme garantieren die Einhaltung ökologischer und ehtischer Bedingungen.

° Im Mittleren Westen der USA sind die endlosen Rindermastfarmen verschwunden - einerseits fehlt das Wasser, das früher aus der Grundwasserschicht hochgepumpt wurde, und anderseits ist der Fleischkonsum drastisch zurückgegangen. Stattdessen ist das flache Land mit zehntausenden von Windgeneratoren bedeckt, die großen Städte wie Kansas City und Denver mit Strom versorgen; auf den freigewordenen Flächen wächst Schilfgras, das zu Methan verarbeitet wird.

Auch die quadratkilometerweiten Kartoffelmonokulturen haben sich verkleinert - erstens, weil das das Wasser zu kostbar ist und zweitens, weil Hamburger-Ketten als Großabnehmer von Jahr zu Jahr schrumpfen. Das Land ist zum Teil aufgeforstet, auf einem Teil der Fläche wachsen Ölsaaten und Ölfrüchte (neben Raps und Sonnenblumen gibt es ein paar hundert weitere geeignete Ölpflanzen), aus denen Treibstoff gewonnen wird.

° In sonnenreichen Regionen werden in durchsichtigen Tanks Algen (z.B. Chlorella) gezüchtet, die mit Methanbakterien fermentiert und auf diese Weise zur Methanerzeugung genutzt werden (Meier 1956).

Reisen, Verkehr, Siedlungsstrukturen

Ein Blick zurück:

"Die Statistiken des Reisemarktes sind eindeutig: Der Trend zum Kurzurlaub unter 14 Tagen, zu einwöchigen Reisen und aufwendigen Ausflügen über verlängerte Wochenenden hält ungebrochen an. Zwei oder drei Urlaube mit Fernreisezielen sind bei vielen zur Normalität geworden: Zehn Tage Seychellen, vierzehn Tage Fuerteventura, eine Woche Skiurlaub in Südtirol und ein paar verlängerte Wochenenden irgendwo im europäischen Ausland lassen sich - geschickte Feiertagsplanung vorausgesetzt - locker verwirklichen. Da sind 30, 40 tausend Flugkilometer und ein paar tausend Autokilometer schnell beisammen - jedes Jahr" (ein Bericht von 1997, Q50).

° Dieser Trend ist 2025 nicht nur gebrochen, sondern taucht nur noch in Horrorstories über das letzte Jahrhundert auf. Die arbeitsfreien Zeiten haben so zugenommen, dass es ohnehin nur noch ein permanenter Stress wäre, sie ganz mit Reisen oder gar Fernreisen zu füllen. Sie verlangen im Gegenteil danach, für langfristige, sinnvolle Projekte und Beschäftigungen genutzt zu werden. Menschen bauen und renovieren ihre Häuser und die ihrer Freunde und Nachbarn, sie sind in lokalen Vereinen, die ihre eigenen Fußball-, Tennis- und Volleyballplätze herrichten und pflegen, sie bauen in ihren Gärten und Treibhäusern Obst, Gemüse und Blumen an. Manche haben Werkstätten, in denen sie Fahrräder reparieren und zu Fantasiefahrzeugen umbauen und defekte Haushaltsgeräte wieder herrichten. Andere haben sich die Werkzeuge und die speziellen Kenntnisse für Wärmeisolierung, für den Bau von Wintergärten oder von Solaranlagen zugelegt. Es gibt überall Werkstatt- und Gartenbaukooperativen, in denen man mitarbeiten und in denen man sich beraten lassen kann. Hier und in den anderen lokalen Betrieben sind Schulklassen willkommen; Kinder und Jugendliche finden hier bereitwillige Lehrer, die ihre Neugierde befriedigen und ihnen ein Einblick ins Arbeitsleben geben. Die Menschen haben wieder entdeckt, wie man in einem dafür günstigen Gemeinschaftsklima selbst für sich und die Seinen sorgen kann. Sie erfahren dabei Gefühle von Anerkennung, Zugehörigkeit, Kompetenz und Unabhängigkeit, die mit Geld nicht zu bezahlen wären.

Die "Urlaubs"reisen, die noch unternommen werden, spielen sich normalerweise in der Region oder im eigenen Land ab, und sie werden im allgemeinen zu Fuß, mit dem Zug und/oder Fahrrad unternommen. Die Menschen haben ihre nähere und weitere Heimatregion wieder kennen, schätzen und schonen gelernt. Auf den überdimensionierten Autobahnen fließt nur noch ein dünner Verkehr, alle Flugplatzneubauten wurden im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts zu den Akten gelegt, und die Hälfte der bestehenden Flughäfen wurden bereits wegen ungenügenden Passagieraufkommens geschlossen (s. Halbzeit). In den lichtdurchfluteten Hallen und Korridoren haben sich Hunderte von kleinen Gartenbaubetrieben angesiedelt, die mit raffiniert eingesetzter Sonnenenergie einen kleinen Teil der tropischen Früchte erzeugen, die hier in früheren Zeiten von Langstrecken-Cargojets eingeflogen wurden.

° Schon 1990, auf dem Höhepunkt des Autowahns, gab es auf der Welt doppelt so viele Fahrräder wie Autos (WWI 1990D: 229). 2025 gibt es zehnmal so viel. Das Fahrrad ist zu einem ähnlichen Kultobjekt geworden, wie es das Auto einmal war. Es gibt Ultra-Leicht-Liegefahrräder, deren Besitzer auf den freigegebenen Autobahnspuren versuchen, die 100-kmh-Mauer zu durchbrechen. Am anderen Ende der Skala gibt es sechssitzige Tretmobile für Familienausflüge mit zusätzlichem Elektroantrieb und Solarzellen auf allen Flächen der Außenverkleidung.

° Schon in den 90er Jahren wurde von Menschen, die im Einklang mit ihren ökologischen Vorstellungen leben wollten, ein steigende Anzahl von Ökodörfern gebaut. Ein Vierteljahrhundert später ist der Bau von Ökodörfern die einzige Baubranche, die noch boomt. Dabei ist von der Bauindustrie, wie sie sich am Ende des Jahrhunderts darstellte, mit ihren riesigen Kränen, Zementcontainern, Flotten von Betontransportern, Baggern und LKWs, die Millionen Tonnen von Erde (und Milliarden Euro von Investitionskapital) bewegten, nichts mehr zu sehen. Auf den Baustellen wimmelt es von Menschen, die sich in genossenschaftlichen Gruppen unter Anleitung von Fachleuten ihre Häuser selber bauen. Dadurch erwerben sie auch die notwendigen Kenntnisse, um die Häuser selbst zu pflegen und zu erhalten und bei Bedarf (Vergrößerung oder Verkleinerung der Familie oder Entwicklung zu einer größeren Wohngemeinschaft) zu verändern oder zu erweitern.

° Ökozentren wie das Energie- und Umweltzentrum am Deister und Machynlleth in Wales haben schon in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende als Pioniere all die Techniken entwickelt und in Kursen an eine kleine Schar von Umweltbewussten weitergegeben, die für eine nachhaltige Wohn- und Lebenweise notwendig sind, wie Selbstbau-Sonnenkollektoren und Biogasanlagen, Anlehngewächshäuser für den Energiehaushalt und die Selbstversorgung, Torftoiletten, Schilfklärteiche, Regenwasseranlagen, Lehmbau, Isolierverfahren mit Pflanzen- und Recyclingstoffen, Pflege- und Konservierungsmethoden ohne chemische Gifte, usw. Obwohl sie inzwischen viele Nachahmer gefunden haben, können sie die Nachfrage nach ihren Kursen und Dienstleistungen kaum befriedigen - die Fähigkeiten und Technniken, die hier vermittelt werden, sind wichtiger und sinnvoller und tragen mehr zur Lebensqualität bei als Geldverdienen.

° Die am Anfang oft als böswillige Öko-Tyrannei verfluchte CO2-Verknappung ist in eine Kulturrevolution umgeschlagen. Es wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit, dass Wünsche im Reich des Wünschens, Träume im Reich des Träumens, Bedürftigkeiten aus dem Bereich des Seelischen, Gemeinschaftsbezogenen, in der Sphäre, in der sie ihre Wurzeln haben, befriedigt (oder zumindest bearbeitet) werden. Während sich die Älteren noch schaudernd an das konsumptive Hamsterrad erinnern, in dem man in ihrer Jugend von unstillbaren Wünschen getrieben hinter immer neuen Waren und Dienstleistungen herrannte, hören junge Menschen mit ungläubigem Staunen von dem abartigen Glauben der Menschen des 20. Jahrhunderts, immaterielle Bedürfnisse seien mit materiellen Mitteln zu erfüllen (umso abartiger, als er sie fast das Leben gekostet hätte).

Lokale Ökonomie, Self-reliance
° Die entstehende lokale Ökonomie wird weniger effizient im verengten betriebswirtschaftlichen Sinn. Sie wird deswegen, mit Verweis auf die gute alte Zeit, auch heftig kritisiert. Diese Kritik findet wenig Zustimmung, weil man erkannt hat, dass trotz der Effizienzverluste im Einzelfall bzw. im privatwirtschaftlichen Bereich sich das Ergebnis unterm Strich unvergleichlich verbessert hat:
- weniger Lärm und Luftverpestung durch einen einschneidenden Rückgang des Güterverkehrs, daher höhere Wohnqualität
- die Wälder fangen an, sich zu erholen
- weniger Zeit-, Geld- und Ressourcenverschwendung durch lange Fahrten zum Arbeitsplatz
- mehr Zeit für die Familie: weniger Familienstress, weniger broken families, weniger Jugend-Gewalt und Kinderkriminalität, weniger Drogen,
- mehr Zeit für Eigenarbeit, Entwicklung brachliegender Talente, Vielfalt der Tätigkeit, weniger Bedarf an Entertainment und Freizeitaktivitäten, dadurch weitere Verringerung der Ausgaben
- Zeit für Arbeit im Garten, mehr Selbstversorgung, weniger Abhängigkeit, Überschüsse an Obst, Gemüse, Kleintierprodukte für den lokalen Austausch, mehr Krisensicherheit, eine gesündere Lebensweise.

Blick zurück: In der Marktgesellschaft des zurückliegenden Jahrhunderts war alles zur Ware geworden, auch die notwendigsten Dinge der Lebenshaltung wie Brot, Obst, Gemüse, Getränke, Heizmaterial, Kleidung. Das heißt, ganz brutal, dass Menschen sofort in Armut und Not gerieten, wenn z.B. durch den Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr genug Geld hereinkam. Die Möglichkeit, durch Eigenarbeit und Eigeninitiative, durch die Einbindung in Familie und Nachbarschaft, durch Tausch und gegenseitige Hilfe den Lebensunterhalt zu bestreiten oder zumindest zu ergänzen oder aufzubessern, existierte nicht mehr.

° Nahrungsmittel werden nicht mehr aus der ganzen Welt und aus dem ganzen Land herantransportiert, sondern zum grössten Teil im näheren Umland produziert. Das bedeutet, dass jetzt, statt 20 oder 30 % der Ausgaben für Lebensmittel, der größte Teil der Lebensmittelausgaben bei den Erzeugern ankommt, und dass dadurch das ganze irrsinnige System der Agrarsubventionen überflüssig geworden ist. Lebensmittel sind dabei allerdings nicht billiger geworden, weil wieder ein höherer Anteil der Bevölkerung in der weitgehend ökologischen Landwirtschaft arbeitet.

° Immer mehr Menschen entdecken unter den veränderten Bedingungen, dass es eine sehr fragwürdige Wohltat für ihren umittelbaren Lebensraum ist, wenn ein internationaler Konzern in ihrer Gemeinde eine Fabrik für Konsum-Elektronik eröffnet. Kleine Betriebe, die für den regionalen Bedarf arbeiten, produzieren vielleicht etwas teuerer, aber dafür zahlen sie ihre Steuern im Land, sie verursachen weniger Transporte und entlasten damit die Menschen, die Umwelt und die öffentlichen Haushalte. Da sie von Menschen betrieben werden, die hier leben und in die Gemeinschaft integriert sind, kommen sie nicht auf die Idee, wegen einiger Cent Lohnunterschied ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.

Hier zeigt sich ein neues regionales Selbstbewusstsein in scharfem Gegensatz zu der Atmosphäre gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts, als Paul Kennedy schrieb, "... dass nationale politische Institutionen und Behörden in zunehmendem Maße die Kontrolle über ihre eigene politische Zukunft aufgeben. In der Tat, die wirkliche »Logik« einer grenzenlosen Welt ist die Tatsache, dass niemand mehr in Kontrolle ist - außer vielleicht die Manager der multinationalen Konzerne, deren Verantwortung allein ihren Aktionären gilt ... Diese, die Aktionäre, so könnte man argumentieren, sind die neuen Souveräne geworden, die in jene Gesellschaften investieren werden, welche die höchsten Dividenden versprechen" (Kennedy 1993: 78). "... wie die illegalen Wanderungsbewegungen oder die globale Erwärmung untergräbt die Internationalisierung der Produktion und der Finanzen die Fähigkeit eines Volkes, sein eigenes Geschick zu kontrollieren" (ebda S. 53).

Das Gefühl, das Paul Kennedy beschreibt, gehört zu den bedrückenden Erinnerungen an die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Menschen fühlen sich wieder für ihr eigenes Lebensumfeld verantwortlich, sie engagieren sich für das Leben in ihrer Gemeinde und ihrer Region, und sie haben gelernt, dass es sich lohnt.

Globalisierbares Modernisierungsmodell
° Schwellen- und Entwicklungsländer können sich an einem Modernisierungsmodell ausrichten, das zu einer nachhaltigen Gesellschaft führt. So wie schon im Brundtlandbericht gefordert, schaffen sie sich eine eigene Produktionsbasis mit den jetzt angebotenen ressourcen- und umweltschonenden Technologien (Hauff 1987:18).

Die jetzt zur Reife entwickelten Formen der Energieerzeugung (direkte und indirekte Sonenenergie) sind ein zentraler Teil dieses Modells. Entwicklungsländer haben jetzt den Vorteil, dass sie noch keine auf fossilen Brennstoffen oder Uran basierende Energieinfrastruktur haben, die einer Solarwirtschaft im Weg steht ("leap-frogging"). Die Kohärenz der industriegesellschaftlichen Strukturen, die den Wandel in den Industrieländern so zäh und mühsam macht, steht ihnen nicht im Weg.

Bevölkerungsentwicklung
° Die Weltbevölkerung wächst zwar immer noch, aber deutlich langsamer und liegt mit siebeneinhalb Milliarden Menschen unter der Zahl, die noch in den neunziger Jahren erwartet wurde. Die Forderung der Weltbevölkerungskonferenz von 1994, die Familienplanung mit 17 Milliarden Dollar jährlich zu fördern, wurde im neuen Jahrtausend von Industrie- und Entwicklungskändern gemeinsam erfüllt - mit der Folge, dass im Jahr 2100 zwei Milliarden Menschen weniger die Erde bevölkern werden (Q61-11).

"Wenn sich ... die Gesundheit von Mutter und Kind dank des neuerdings sauberen Trinkwassers verbessert ... profitiert davon die ganze Familie, denn gesunde Menschen kosten weniger und leisten mehr. Vor allem Kinder, die bisher wegen unreinen Wassers am ehesten an Infektionskrankheiten starben, haben nun eine größere Überlebenschance. Sobald Eltern sicher sein können, dass weniger Nachkommen sterben, werden erfahrungsgemäß auch weniger Kinder gezeugt" (Rainer Klingholz, Q93: 29).

° Dank der Fortschritte in der ländlichen Entwicklung hat sich die Landflucht in eine Stadtflucht umgedreht; die Megastädte schrumpfen, die kleineren Städte, "die in engem Kontakt mit dem umliegenden Ackerland stehen", sind nach den Vorstelllungen des Brundtland-Berichts die attraktiveren Lebensräume geworden (Hauff 1987: 20).

Strukturwandel
° Der Personen- und Güterverkehr ist auf einen Bruchteil der Jahrhundertwende zusammengeschrumpft:
- Wohnen und Arbeiten sind wieder näher zusammengerückt
- die lokale und regionale Ökonomie hat einen Aufschwung genommmen. Was in der Region produziert werden kann, wird dort produziert, auch wenn die betriebswirtschaftliche Effizienz keine Spitzenwerte erreicht; der Verbrauch konzentriert sich auf lokale Produkte (s.u. Welthandel).
- Ein großer Anteil Selbstversorgung ist selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens und führt zu einer Wiederentdeckung lokaler Ressourcen und Fähigkeiten.

° Die Autos, die der privaten Fortbewegung dienen, sind nicht wiederzuerkennen. Sie sind klein, ultraleicht, werden mit Solarstrom oder Brennstoffzellen betrieben und werden hauptsächlich benutzt, um bei besonders schlechtem Wetter zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel zu kommen. Wenn man gelegentlich, z.B. zum Transport von schweren Sachen, ein größeres Fahrzeug braucht, mietet man es selbstverständlich. Die Verbesserung der öffentlichen Nah- und Fernverkehrssysteme hat den Abschied von der Autogesellschaft des 20. Jahrhunderts ebenso erleichtert wie sie von ihm ermöglicht wurde (s. Kohärenz).

Durch das CO2-Budget werden die großen, schweren, schnellen Limousinen innerhalb weniger Jahre zu Dinosauriern: Weder ihre Herstellungskosten, noch ihre Verbrauchskosten sind mit dem sinkenden CO2-Budget zu bestreiten. Sie passen nicht mehr in die Landschaft, und die wenigen überlebenden Exemplare müssen sich, als offensichtliche öffentliche Gefahr, dem allgemein üblichen Fahrtempo von 70 bis 100 km/h auf Autobahnen und Fernstraßen und 30 km/h in Ortschaften unterordnen. Bei diesen Geschwindigkeiten können Autos abgerüstet werden auf das, was notwendig ist: vier Räder, ein Motor und ein leichter Schutz gegen die Witterung. Umsomehr, als die meisten Menschen das Auto nur noch höchst selten für eine Fernreise benutzen, und dann fahren sie sehr viel besser, wenn sie sich in diesem Ausnahmefall ein "Langstreckenfahrzeug" mieten. Eine solche "Reiselimousine" zu besitzen, wird ihnen ebenso merkwürdig vorkommen, als würde man sich heute ein Flugzeug oder einen Zug kaufen. Die tonnenschweren Stahlprojektile, die früher als beständige Todesdrohung kreuz und quer durch's Land rasten, fahren nur noch als kuriose Oldtimer die Hochzeitsgäste zur Kirche.

- Man kann wieder in Städten und Dörfern wohnen - sie werden nicht mehr vom Verkehr ruiniert.

Dort, wo der Verkehr von einer Dorfstraße nicht von selbst verschwindet, wird er von den Einwohnern mit List und Schikanen vergrault: ständig laufen die Kühe durchs Dorf, immer wieder rutscht einem Bauern eine ganze Mistladung vom Wagen, die Straßenfeste auf der Dorfstraße nehmen kein Ende: wiedergewonnenes lokales Selbstbewusstsein, "sense of property".

- Großstädte sind Energie"schlünde". Sie können nur existieren, indem sie Nahrung, Brennstoffe und Treibstoffe und Absorptionskapazität für ihre Abfälle aus einer weiten Umgebung importieren (s. "Ökologischer Fußabdruck"). Das begrenzte Ressourcenbudget macht diesen überhöhten Konsum sichtbar und schafft damit einen Anreiz zur Dezentralisierung. Die Siedlungsstrukturen entwickeln sich über einen langen Zeitraum weg von den riesigen Ballungszentren und hin (bzw. zurück) zu einer Vielzahl von lebendigen kleinen und mittleren Städten, umgeben von einem Kranz von Dörfern (vgl. WWI 1990: 188).

° Das Bruttoinlandsprodukt nähert sich - preisbereinigt - wieder dem Stand von 1960. Was sich darin widerspiegelt, ist nicht Verlust, sondern Gewinn. Das BIP mit seinen vielen wohlfahrtsmindernden Posten wie zum Beispiel flächendeckende, ständig verstopfte Autobahnen, 3000 Tote und 500 000 Verletzte im Straßenverkehr, durch Autoverkehr unbewohnbare Städte, Allergien, Haut- und Atemwegserkrankungen durch Luftschadstoffe - diese und viele ähnliche Posten haben abgenommen; dafür ist die Wohlfahrt gestiegen in Bereichen, die sich im BIP nicht ausdrücken: Unabhängigkeit von unkontrollierbaren Markt- und Weltmarktfaktoren durch die Entwicklung der lokalen Wirtschaft, Eigenarbeit, Selbstversorgung, Integration in überschaubare Gemeinschaften; Zeitsouveränität und Zeitwohlstand; Anerkennung und Zugehörigkeitsgefühl durch Mitarbeit in der Gestaltung der kommunalen und regionalen Wirtschaft und Politik. Im gleichen Tempo, wie das BIP sinkt, steigt der ISEW (Index of Sustainable Economic Welfare, s. Daly/Cobb 1994 und Kap. 5.7).

Welthandel:
° Durch die hohe CO2-Belastung des Ferntransports ist der Welthandel auf ein Bruchteil seines Volumens vor der Jahrhundertwende geschrumpft. Er ist auf dem Weg, sich der Vorstellung von John Maynard Keynes anzunähern, für den sich der Welthandel auf Informationen, Ideen, Geschenke und Gastfreundschaft beschränken sollte. Darüberhinaus würden sich die Menschen des 21. Jahrhunderts von ihrem begrenzten Budget wahrscheinlich gern noch einige exotische Kostbarkeiten leisten, bei denen sich, wegen ihrer relativ geringen Masse, die Transportkosten in Grenzen halten, wie Tee und Kaffee, Gewürze und Seide - also die Exotika, mit denen der Fernhandel einmal begann.

- Der Rückzug aus der Weltmarktorientierung, die 1998 die Länder Südostasiens und Brasilien in die Depression gestürzt hat, bedeutet zwar Verzicht auf schnelles, mit Krediten aufgeputschtes Wachstum. Er eröffnet auf der anderen Seite die Möglichkeit, eine selbstbestimmte Entwicklungspolitik zu machen, die nicht (in den maquilas und anderen frühkapitalistischen Enklaven) für den Export produziert, sondern für die eigenen Bedürfnisse; die nicht die großindustriellen Projekte mit ausländischer Finanzierung favorisiert, sondern die ländliche Entwicklung; die die Autonomie fördert - nicht nur im Sinn der Unabhängigkeit von den internationalen Finanzmärkten, sondern auch im Sinn der self-sufficiency, der möglichst weitgehenden Selbstversorgung.

° Das Leben wird allmählich wieder eine runde Sache: neben der beruflichen Tätigkeit bleibt Zeit für das ganze Leben mit Familie, Freunden und Haustieren statt des virtuellen Daseins zwischen Computerterminal, Flugzeug, Kreditkarte, Fitnessstudio, Therapie, Verschönerungsoperationen, Autobahnstau, Fünf-Sternerestaurant, Managementtraining, stressigen Erholungstrips am Wochenende, Anwaltsbesuchen und Scheidungsterminen.

 
 
 
 
 
 
AUSSTIEG AUS DEM CRASH