Der ökologische Umbau der Industriegesellschaft


"... das wilde Tier Kapitalismus zähmen" (Solschenizyn)

Die ökologische Steuerreform soll, beginnend mit einer Energie- oder CO2-Abgabe, die "heimlichen Ko­sten" (Leipert 1989) von Ressourcenverbrauch und Umweltbe­einträchtigung mit einem fiskalischen Kunstgriff in die Preise hineinzwingen. Wenn Energie und Materialverbrauch teurer werden, ist anzunehmen, dass die Industrie sparsamer mit ihnen umgehen wird. Im Gegenzug sollen mit den Einnahmen aus der Ökosteuer die Arbeits-Nebenkosten gesenkt werden. Man kann wohl davon ausgehen, dass durch diesen doppelten Zugriff - wenn er nur herzhaft genug ist - der Ressourcenverbrauch gesenkt und günstigere Bedingungen für die Schaffung oder zumindest die Erhaltung von Arbeitsplätzen gesetzt werden.

Es gibt allerdings eine Reihe von zwingenden Gründen, die dafür sorgen, dass selbst eine ernstgemeinte Ökosteuer den "Umweltverzehr" der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht stoppen kann:

- sinkende Erträge (1)
- Grenzen des Recycling (2)
- der Mengeneffekt (3)
- die Ersetzungszyklen (4)
- die irrigen Erwartungen an die Dienstleistungs- und Informa­tions-Gesellschaft und die daraus angeblich folgende Dematerialisierung (5) und (6)
- der explosive Verbrauch von Fantasie- und Statusprodukten (7)

(1) Das Gesetz der abnehmenden Grenzerträge ("Ertragsgesetz")

Das Gesetz der sinkenden Erträge ist ein Aspekt des Entropiegesetzes und von ebenso universaler Gültigkeit wie dieses selbst. Es besagt, dass bei gleichbleibendem Einsatz von Produktionsfaktoren der Ertrag erst proportional, dann unterpor­portional und schließlich überhaupt nicht mehr messbar zunimmt. Dieses Gesetz gilt auch für Effizienzverbesserungen, und es bedeutet, dass sie mit jedem Schritt schwieriger und teurer werden.

So lässt sich z.B. der erzielbare Ertrag pro Einheit landwirt­schaftlicher Fläche durch Erhöhung des Inputs (z.B. Düngemittel) steigern. Dabei wächst der Ertrag nur am Anfang im selben Verhält­nis wie die Steigerung des Inputs, schon nach kurzer Zeit flacht sich die Kurve ab: Jedes weitere Kilogramm Düngemittel bringt jetzt einen geringeren Mehrertrag.

(2) Recycling

Einer der wichtigsten Pfeiler der Kreislaufwirtschaft, die am Ende eines ökologischen Umbaus stehen sollte, ist das Recycling. Aber gerade beim Recycling schlägt das Gesetz der sinkenden Erträge mit unbarmherziger Härte zu. Wenn beim Recyclen Stoffe wiedergewonnen und so der Materialverbrauch reduziert werden kann, geschieht dies immer auf Kosten eines erhöhten Einsatzes von Energie. (Von der rührenden Idiotie, mit der umweltbewusste Bürger ein paar Flaschen zum Glascontainer und ein paar Zeitungen zum Papiercontainer fahren - im Auto natürlich - soll hier nicht einmal die Rede sein). Eine vollständige Wiedergewinnung der verwendeten Rohstoffe wäre nur mit einem unendlich hohen Energieeinsatz möglich.

(3) Der Mengeneffekt ("rebound")

Durch das fortgesetzte Wachstum (das weiterhin zu den höchsten Zielen der Industrie- und noch mehr der Schwellenländer gehört) werden die Effizienzgewinne, die im Einzelnen ohne Zweifel erzielt werden, zunichtegemacht oder überkompensiert.

Am markantesten zeigt sich dies am Autoverkehr: Durch den techni­schen Fortschritt wird der Benzinverbrauch bezogen auf die Motor­leistung seit Jahren stetig gesenkt. Gleichzeitig zeigt die durch­schnittliche Motorleistung der Autos auf den Straßen einen konti­nuierlichen Aufwärtstrend. Gleichzeitig steigt die Zahl der zugelassenen Autos. Gleichzeitig steigen die Fahrleistungen. Als Produkt dieser Faktoren steigen der Gesamt-Treibstoffverbrauch und die Umweltbelastung weiter an. Obwohl die Flugzeuge heute nur noch halb so viel Treibstoff verbrauchen wie 1960, verheizen sie aufgrund des heutigen Flugverkehrs etwa das Fünfundzwanzigfache der Mengen von 1960 (Q19).

Wenn also die noch möglichen Effizienzsteigerungen (bei Beachtung der sinkenden Erträge s.o.) in vielen Bereichen und auf weiten Strecken durch Wachstum kompensiert und überkompen­siert werden, heißt das, dass die vielge­priesene Effizienzrevolution im Gefolge der ökologischen Steuerreform bestenfalls den Status Quo in Energie- und Materialver­brauch halten, ihn jedoch nicht auf die erforderlichen niedrigeren Niveaus zurückführen kann. Dass sich die Gesamtbilanz selbst bei großen Anstrengungen im einzelnen immer mehr auf dem untragbar hohen Niveau einpendelt, hängt damit zusammen, dass die Effizienzsteigerungen auf immer mehr Gebieten in den Bereich der sinkenden Erträge geraten. Darüberhinaus bringt die konsequent verantwortungslose Logik des Systems es mit sich, dass die Industrie die aus der Gesellschaft kom­menden Forderungen nach Ressourcenschonung und Rücksicht auf die Umwelt wie ein Geschenk des Himmels dazu nutzt, immer neue Modellgenera­tionen auf den Markt zu bringen und da­mit einem drohenden Umsatz­rückgang entgegenzuwirken.

(4) Ersetzungszyklen

Ebenso wie dies in der Vergangenheit mit der Forderung nach mehr Sicherheit geschehen ist, schickt sich jetzt die Automobilindu­strie an, den Wunsch nach sparsameren Autos für eine Erhaltung der Autoproduktion auf hohem Niveau zu nutzen. Das sparsame Auto wird nicht etwa beim nächsten Modellwechsel eingeführt, sondern der Weg vom Sieben-Liter-Auto zum Drei-Liter-Auto wird so geschickt über ein bis zwei Jahrzehnte gestreckt, dass damit der komplette Austausch mehrerer Autogenerationen gesichert werden kann.

Die forcierte Erhöhung der Innovationsgeschwindigkeit hat zur Folge, dass ganze Generationen noch voll funktionsfähiger Computersysteme in immer kürzerer Zeit ausgetauscht werden, das heißt zu einer riesigen Menge an Elektronikschrott werden.

(5) Die Informationsgesellschaft

Eine weitere Heilserwartung, die die Verfechter des ökologi­schen Umbaus in Aussicht stellen, trägt den Namen Informati­onsgesellschaft.

Durch den Einsatz von Fantasie und Know-how werden zwei gegenläu­fige Prozesse angetrieben, entscheidend ist das Ergebnis unter dem Strich: einerseits wird die Produktivität und die Effizienz er­höht, heißt die gleiche Menge Güter und Dienstleistungen können mit verringertem Material- und Energieeinsatz produziert werden (Friedrich Schmidt-Bleek vom Wuppertal Institut hät sogar eine "Dematerialisierung" um den Faktor 10 für möglich, s. Schmidt-Bleek 1993 und 1997). Das ist der posi­tive Posten: verringerter Material- Energieeinsatz. Andererseits werden in einer kapitalistischen Wirtschaft (und a fortiori: Welt­wirtschaft) Intelligenz und Fantasie vorwiegend dazu einge­setzt, immer schneller immer mehr Güter und Dienstlei­stungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Die Kapital­verwertung, die durch den wachsenden Wettbewerb an die Grenzen sinkender Pro­fitmargen stößt (wobei der Wettbewerb seinerseits durch die sin­kenden Profitraten angefeuert wird), nutzt die explo­dierende In­formation und Kommunikation, um den Kapitalumschlag zu beschleuni­gen: immer schnellere Produktentwicklung, immer kürzere Produktle­benszyklen, immer schnellere Obsoleszenz, immmer schnel­lere Inno­vation (daher die wachsende Rolle der Verwertungshelfer).

Fazit: Die Informationsrevolution ist ein neues Sesam-öffne-Dich zu einer neuen Ali-Baba-Höhle, in der unbegrenzte Schätze ruhen, die darauf warten, gehoben zu werden. Ein neuer, erfolgrei­cher Versuch, die Grenzen, an die die Kapitalverwertung zu stoßen drohte, weiter hinauszuschieben.

Was ist dagegen einzuwenden? Dass zwar Information für sich genom­men unschädlich grenzenlos vermehrt, kopiert, vervielfältigt wer­den kann; aber dass ihre Anwendung an immer mehr Orten durch immer mehr Menschen an immer mehr Produktionsstätten zur Erzeugung von immer mehr und immer schneller aufeinanderfolgenden Produkten zu einem steigenden Durchsatz von Energie und Stoffen durch die Tech­nosphäre und damit zu einer exponentiell wachsenden Entropiever­mehrung führt. (Frappierend die hier sichtbar werdende Übereinstimmung zwischen der Natur des Geldes und der Natur der Information: auch die (Selbst-)Vermehrung des Geldes wäre ein gänzliche harmloser Vorgang, wenn sie nicht mit einer grenzenlosen Vermehrung der Ansprüche an die begrenzten Ressourcen und Absorptionskapazitäten des Planeten verbunden wäre).

(6) Die Dienstleistungsgesellschaft

Die Umstrukturierung der Wirtschaft, die mit dem Begriff der In­formationsgesellschaft etikettiert wird, ist eine spezifische - die z.Z. am stürmischsten voranschreitende - Ausprägung des Über­gangs zur Dienstleistungsgesellschaft (DLG). Analog zu dem, was oben zur Informationsgesellschaft gesagt wurde, gilt auch für die DLG allgemein, dass das Wachstum der Dienstleistungen als Anteil am Sozialprodukt den Anteil des primären und sekundären Sektors, also der Land­wirtschaft und der produzierenden Industrie, nur relativ schrump­fen lässt, dass jedoch die Industrie als Basis in ihrer absoluten Größe nicht zurückgeht.

Der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft, die dritte industri­elle Revolution, spiegelt sich in einem BIP wieder, das weiter wächst, obwohl die Produktion in der gewerblichen Industrie nicht mehr ansteigt. Verführt von diesen Zahlen, geben wir uns der Illu­sion hin, dass unser Wohlstand immer weniger von materiellem und energetischem Verbrauch, sondern mehr und mehr vom Einsatz unserer Intelligenz abhängt. Das illusionäre Zahlenspiel kommt dadurch zu­stande, dass die Summe der Einkommen im Dienstleistungsbereich steigt, also dadurch ihr Anteil am BIP, dass dieses steigende Ein­kommen aber weiterhin für durchaus an materielle Ressourcen gebun­dene Güter und Dienstleistungen (Autos und Autofahrten, Flugzeuge und Fernflüge) ausgegeben wird und damit z.B. einen unverminderten Stoffstrom über die Grenzen Deutschlands von 2 Milliarden Tonnen pro Jahr aufrechterhält. Die Illusion wird dadurch genährt, dass dieser Stoffstrom (wie auch überhaupt die industrielle Produktion) im Verhältnis zu der steigenden Einkommenssumme im Dienstlei­stungsbereich anteilsmäßig zurückgeht - wertmäßig, denn mengenmä­ßig schrumpft er mitnichten! Weiterhin kommt man der Realität nä­her, wenn man berücksichtigt, dass der größte Teil der Dienstlei­stungen (Bankwesen, Steuer- und Unternehmensberater, Softwareent­wickler, Verkehrsunternehmen, Werbewirtschaft, Marktforschung, Bildung/Schulung/Weiterbildung, ein wachsender Teil der Forschung) im Dienst der Produktion bzw. des Absatzes der Produkte ste­hen.

Um es an einem einzelnen Unternehmen zu illustrieren: Die Firma IBM beschäftigt heute noch 20 000 ihrer 400 000 Mitarbeiter in der Produktion - die überwältigende Mehrzahl der IBMer arbeitet in Forschung, Produktentwicklung, Markterschließung, Werbung, Verkauf, Schulung, Kundendienst, im rechtlichen (Patente, Lizensen, Beteiligungen, Allianzen), steuerlichen und Management-Bereich.

(7) Fantasie- und Statusprodukte

Wie in Kap. 5 (Die ressourcenbegrenzte Wirtschaft) ausführlicher dargestellt, gehören nur 10 Prozent der in der modernen Industriegesellschaft produzierten und konsumierten Güter und Dienstleistungen der Sphäre der notwendigen Dinge an, jedoch zu 90 Prozent der imaginären Sphäre, d.h. sie sind unbegrenzt vermehrbar. Infolgedessen ist auch die Kaufkraft, die aus Produktion und Vermarktung dieser Güter und Dienstleistungen entsteht, unbegrenzt vermehrbar. Aus diesem Grund lassen sich die Ansprüche an die natürlichen Ressourcen und Absorptionskapazitäten, die aus dieser Kaufkraft erwachsen, mit monetären Mitteln nicht begrenzen.




 
 
 
 
 
 
AUSSTIEG AUS DEM CRASH