GeldSteuerung

Die Steuerung durch Geld

Nur weltfremde, kaltherzige Moralisten machen für die Diskrepanz zwischen dem, was wir vernünftigerweise tun sollten, und dem was wir jeden Augenblick tun, den Egoismus, die Rücksichtslosigkeit, die Kurzsichtigkeit und Dummheit der Menschen verantwortlich. Für den gesunden Menschenverstand liegt es auf der Hand, dass unser wirtschaftliches Handeln deswegen so katastrophale Folgen, vor allem Langzeitfolgen und Folgen für weit entfernte Menschen und Regionen hat, weil es von falschen Signalen gesteuert wird. Das Geld, das wir in der Tasche oder auf dem Konto haben, gaukelt uns vor, dass wir uns 2000 Liter Benzin, 3000 Liter Heizöl, ein oder zwei Fernflüge im Jahr, zwei oder drei Autos pro Familie, Nelken aus Peru und Rindersteaks aus Brasilien leisten können - bei dem einen etwas mehr, bei dem anderen etwas weniger. Der Bargeldautomat, der die Kontokarte wieder ausspuckt, der Kontoauszug, der uns mitteilt, dass der Überziehungskredit überschritten ist, geben eine unmissverständliche Warnung ab, wenn unser Geld alle, unser Budget erschöpft ist. Aber es gibt kein Signal, weder an der Supermarktkasse noch an der Zapfsäule, das uns anzeigt, dass unser rechtmäßiger Anteil an den realen Ressourcen und Dienstleistungen der Biosphäre bei 500 Liter Benzin und beim sechsten Steak unwiderruflich aufgebraucht ist.

Cognition (ein Begriff aus der Theorie der selbstorganisierenden Systeme)

Lebende Organismen ebenso wie alle selbstorganisierenden Systeme sind darauf angewiesen, dass sie die aus der Umwelt kommenden Signale richtig interpretieren, d.h. im Wesentlichen, angemessen darauf reagieren. Wenn es lange nicht geregnet hat, rollen viele Pflanzen ihre Blätter ein, damit sie weniger verdunsten. Wenn es kalt und wenn die Nahrung knapp wird, gehen viele Tiere in den Winterschlaf, oder sie legen, bevor sie sterben, Eier, die den Winter über ruhen und erst im Frühling ausschlüpfen. Wenn die Signale aus der Umwelt nicht wahrgenommen oder falsch interpretiert werden, hat eine Art keine Überlebenschancen.

Die Marktwirtschaft und das Einkommen, das wir daraus beziehen, schicken uns in jedem Augenblick die falschen Signale über den Zustand, die Ergiebigkeit, die Regenerationsfähigkeit unserer Umwelt. Wie lange werden wir uns das wohl noch leisten können, bevor die Evolution unsere Akte schließt?

Die fortschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen hängt damit zusammen, dass wir uns vom Hokuspokus des Geldes den Verstand trüben lassen (allzu gern, muss man hinzufügen). Wir gehen davon aus, dass das Geld auf unserem Konto und in unserer Brieftasche Ansprüche darstellt, die wir im Markt geltend machen können. Das ist eine durchaus berechtigte Vorstellung, denn unser Einkommen spiegelt - wenn auch nur sehr unvollkommen - unseren Anteil an der Wertschöpfung wider. Daher erscheint es nur logisch, dass wir es gegen andere Werte, die von anderen geschaffen wurden, eintauschen können. Das Problem entsteht daraus, dass etwa 80 bis 90 % der Wertschöpfung einer modernen Volkswirtschaft in einem imaginären, immateriellen Raum entstehen. Der Markt bewertet und vergütet die Befriedigung von Bedürfnissen. Zu einem kleinen Teil handelt es sich um Bedürfnisse, deren Befriedigung lebensnotwendig ist, wie Essen, Trinken, Wohnen, Schutz gegen Hitze und Kälte (sog. Grundbedürfnisse). Zum überwiegenden Teil geht es in einer modernen Wirtschaft um Bedürfnisse sozialer und psychologischer Art. Ob die Objekte der Begierde nun Autos oder DVD-Player, Unterhosen von Dolce & Gabbana oder T-Shirts von Calvin Klein, Ferienreisen in die Karibik oder Konzerte von Tina Turner sind - es geht um Unterhaltung, Anerkennung, Identifikation, Zugehörigkeit, Lebenssinn, es geht um Mittel gegen Langeweile, Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle, Selbstzweifel und Depression. Während die Grundbedürfnisse mit begrenzten Mitteln zu befriedigen sind, sind die imaginären Bedürfnisse, wie sie auch genannt werden, unbegrenzt vermehrbar. Sie lassen sich, weil ihnen meist nur Ersatzbefriedigungen angeboten werden, nur kurzzeitig betäuben, aber nicht stillen, sie stehen also immer

»It is our job to make women unhappy with what they have«. (Earl Puckett, Chef eines Kaufhauskonzerns)

weiter für immer neue Befriedigungsangebote zur Verfügung. Die Wertschöpfung, die aus der vorübergehenden Befriedigung unbegrenzt vermehrbarer Bedürfnisse erwächst, erhöht die nachfragewirksame Kaufkraft und wird als Nachfrage nach materiellen Gütern in Ansprüche an die begrenzten realen Ressourcen umgewandelt.

Kein Wunder also, dass dieses Spiel in die Hose ging - es musste in die Hose gehen. Erstens deshalb, weil sich ein immer größerer Teil des Reichtums in den Händen derer sammelt, die an der Spitze der Wertschöpfungspyramide sitzen, und zweitens, weil die Ansprüche an die realen Ressourcen, an die physischen Voraussetzungen des Lebens auf der Erde, völlig losgelöst von den verfügbaren "Beständen" in einem imaginären Raum in den Himmel wachsen.

Zum ersten: Wie die top carnivores at the top of the food chain sahnen die Leute an der Spitze der Wertschöpfungspyramide einen hohen Anteil des Wertes ab, der sich auf dem Weg durch die Wertschöpfungskette angesammelt hat. An der Basis dieser Pyramide drängen sich, billig wie Dreck, hunderte Millionen, die Hemden nähen oder Augenknöpfe in ein Kuscheltier drücken können. In der Mitte gibt es Millionen, die Lastwagen fahren oder einen Computerchip mit Babygebrabbel programmieren können. An der Spitze sitzen die wenigen, die die Fantasie, die Überredungskunst, die Besessenheit, den guten Riecher, den perfekt funktionierenden Apparat, die vielfältigen Beziehungen und natürlich auch das frei verfügbare Kapital oder den Kredit besitzen, die sie befähigen, in die Hirne, in die Träume, in die Ängste und Bedürftigkeiten von Millionen Menschen einzudringen und sie mit einem Lebensstilelement, einer Marke, einer Kultfigur zu infizieren und sie damit zu willigen, begierigen Konsumenten des Überflüssigen zu machen. So wird zum Beispiel heute mit Klingeltönen für Mobiltelefone, die man sich aus dem Cyberspace (früher Äther genannt) herunterladen kann, vier Milliarden Dollar Umsatz gemacht, Nike macht 8 Milliarden Dollar Umsatz mit Turnschuhen, und im Tourismus werden 11 % des globalen Sozialprodukts, also 4000 mrd $ erwirtschaftet. Die Buchhalter bzw. Accounting-Firmen, die all die imaginären Zahlen zusammenzählen, bringen es auf Umsätze von 70 Milliarden Dollar im Jahr.

Zum zweiten: Die lebensnotwendigen, organischen Bedürfnisse sind begrenzt, sie unterliegen dem Prinzip des Grenznutzens: Wenn man hungrig ist, hat ein Brot einen großen Nutzen, ein zweites Brot schon weniger, spätestens beim zehnten Brot geht der Nutzen gegen Null. Das Gleiche gilt für Pullover oder Wolldecken, wenn man friert, und für das Dach über dem Kopf, wenn man sich vor Regen und Schnee schützen will.

Bei den nicht-lebensnotwendigen, psychologischen Bedürfnissen gilt diese Begrenzung nicht: nicht nur, weil Menschen offenbar nie genug bekommen von den Insignien der Macht, des Ansehens, der eigenen Bedeutung (wie große, elegante Autos, luxuriöse Häuser und Wohnungen, edle oder zumindest teure Hunde und Pferde, Kunstwerke berühmter Maler), sondern vor allem, weil die Befriedigung der zugrundeliegenden persönlichkeitsbedingten (und deshalb "imaginären") Bedürfnisse mit immer neuen Mitteln versucht werden kann.

Das heißt: der Stoff, aus dem der überwiegende Teil der Wertschöpfung der modernen Industriegesellschaft gemacht ist, ist unbegrenzt vermehrbar. Das heißt, dass auch das kaufkräftige Geld, das aus dieser Wertschöpfung entspringt, und das jederzeit als Anspruch an das begrenzte Naturvermögen präsentiert werden kann, unbegrenzt und unbegrenzbar wächst.

Während nun die Produktion und die Inputs in die Produktion zu einem wesentlichen Teil aus der realen Sphäre stammen (Energie, Arbeit, Rohstoffe, Infrastruktur), ist die Wertschöpfung, die aus ihr hervorgeht, symbolischer Natur. Handelt es sich doch um den monetären Überschuss der Einnahmen über die Ausgaben. Das ist nun der Punkt, an dem die Wirtschaft zu einer Voodoo-Ökonomie wird. Die monetären Gewinne aus der modernen Konsumwirtschaft haben nur sehr wenig mit den realen Inputs zu tun - sie werden vom Markt und von den Präferenzen der Marktteilnehmer bestimmt. Jenseits der Grundbedürfnisse sind diese Präferenzen jedoch immaterieller - psychologischer, sozialer, sozialpsychologischer Natur. Die Preise, die für Markenartikel, Videospiele, Fernreisen, für eine Rede von Tony Blair oder für einen Werbeauftritt von Michael Schumacher oder Naomi Campbell bezahlt werden, werden nicht vom materiellen Input, sondern von immateriellen Faktoren wie Faszination, Identitätssuche, Bekanntheitsgrad, Markenimage, Neugier, Sehnsucht, Minderwertigkeitsgefühlen, Kompensationsbedürfnissen usw. bestimmt. Dagegen kann das dafür eingenommene Geld wie jedes andere Geld für den Erwerb von realen Ressourcen eingesetzt werden. Wenn man diese Verwandlung von imateriellen, imaginären Bedürfnissen in hartes Geld gleich Ansprüche an reale Ressourcen

 
 
 
 
 
 
AUSSTIEG AUS DEM CRASH