Samenkorn


Ty Cashman transportiert mich zurück in die Zeit meiner ökologischen Uranfänge. Er begann als Mitglied des Windrad-Teams bei den New Alchemists in Cape Cod. Ich müsste ihn damals dort getroffen haben, als ich das Projekt Mitte der 70er Jahre besuchte. Ich war wie verzaubert von dem Geist, der sich dem Motto "Treading lightly on the Earth" ausdrückte und den ich dort verkörpert fand in der "Arche" mit ihren terassierten Klimazonen und den durchsichtigen Tonnen mit ihrer blühenenden Algen und den Tilapia, die sie fleißig abgrasten.

Cashman beschreibt – sehr poetisch – die aktuelle Situation der technologischen Zivilisation als ein Übergangsstadium, das sich – so möchte man jedenfalls hoffen - nach einer kurzen Spanne von 200 Jahren jetzt seinem Ende zuneigt. Diese globale menschliche Zivilisation mit ihrem gigantischen kulturellen und technologischen Potential zeigt das Erscheinen eines neuen Organismus in der Biosphäre an. Mit einer tiefen, wunderbar passenden Metapher vergleicht er dieses Phänomen mit dem Wachsen einer neuen Pflanze aus dem Samenkorn in der Erde. (Die Metapher geht auf Buckminster Fuller zurück, wie Cashman an anderer Stelle mitteilt). "Wenn Sie je einen Garten hatten und beobachteten, was geschieht, wenn Sie Samen in die Erde gelegt haben, haben Sie festgestellt, dass die meisten Pflanzen beim ersten Keimen einen dünnen Stengel mit zwei kleinen Blättern an seiner Spitze aus der Erde schieben. Diese Blätter sind kleine Sonnenkollektoren. Sobald diese Blätter im Licht der Sonne entfaltet sind, nutzt das Chlorophyll in den Zellen der Blätter die Energie der Photonen von der Sonne, um Kohlendioxid mit Wasser zu kombinieren und daraus Zuckermoleküle zu machen. Das ist der Brennstoff, den die Pflanzenzelle für ihren Stoffwechsel braucht. Sobald die beiden ersten Blätter funktionieren, läuft die Pflanze mit ihrem eigentlichen Motor. Aber bevor sie die Emergie von der Sonne von der Sonne bezieht, muss sie von einer Packung chemischer Energie leben, die die "Mutter"pflanze im Samenkorn gespeichert hat. Dieses Energiepaket in dem vergrabenen Samenkorn ist der Anlasser der Pflanze. Ohne diese Energie könnte es nicht die Wurzeln bilden, die es braucht, um an Wasser zu kommen oder um seine Sonnenkollektorblätter über der Erde zu entfalten. Aber sobald die Wurzeln in die Erde eingedrungen sind und Wasser aufnehmen können, und sobald die Blätter sich im Tageslicht entfaltet haben, braucht die Pflanze ihren Anlasser und seine Batterie nicht mehr. Der Anlasser hat seine Schuldigkeit getan. … In gleicher Weise waren die unterirdischen fossilen Brennstoffe die Energie für den Anlasser dieser weltweiten technologischen Zivilisation. Nur eine aufsprießende technologische Zivilisation konnte diese seit ewigen Zeiten gespeicherte Energie extrahieren; und nur eine technologische Zivilisation brauchte sie. Die Sonnenenenergie, in Millionen von Jahren als Kohlenwasserstoffe eingelagert, wurde in ein paar hundert Jahren verbrannt. Aber das hat gereicht, um das Ganze zum Laufen zu bringen (Q101, Übersetzung LM)."

Nachdem wir diese fantastische Zivilisation mit fossilen Energien angeworfen haben, können wir jetzt elegant wieder einschwingen in eine Wirtschaftsweise, die nicht mehr vom (Natur-)Kapital, sondern wie die vor-industrielle Agrarwirtschaft (und wie auch alle anderen Lebewesen auf der Erde) vom laufenden Energie- und Syntropie-Einkommen lebt. Der Schritt in die Zukunft besteht darin, dass sich die nach-industrielle Solarwirtschaft auf einen Stand von Wissenschaft und Technik stützen kann, von dem die vorindustrielle Solarwirtschaft nicht einmal träumen konnte (vgl. Start-Kapital!).

Aus diesen Überlegungen ergibt sich auch zwingend der Schluss, dass Sonnenenergie kein Hobby für Ökofreaks ist, sondern die überlebensnotwendige nächste Etappe. Die nach-industrielle Solarwirtschaft muss kommen (und zwar schnell, bitte), wenn diese junge technologische Zivilisation ihre stürmischen, rücksichtslosen Jugendjahre überleben soll.

P.S. Ein Natur- und kulturgeschichtlicher Nachgedanke:

Dass die früheren Agrarzivilisationen geistig in einer begrenzten Welt lebten, entsprach ihrer materiellen Situation. Das limited-goods-Konzept beschrieb die Welt in einer für den damaligen Stand der menschlichen Möglichkeiten korrekten Form. Ebenso logisch erscheint es, dass mit der industriellen Revolution (und natürlich schon früher: frühe Neuzeit, s. Shapin, SR) eine neue Grundvorstellung, nämlich die eines immerwährenden Fortschritts und einer Welt der unbegrenzten Ressourcen Platz griff. Allerdings dürfte klar sein, dass diese neue Vorstellung nur in einem relativen Sinn der physischen Wirklichkeit entsprach, und darüber hinaus auch nur vorübergehend (eine Illusion, die durch die Entdeckung neuer Kontinente hervorgerufen wurde). [§§ starterMotor] M.a.W.: In den ersten Jahrhunderten der frühen Neuzeit und der industriellen Revolution musste es wirklich scheinen, dass sich im Vergleich zur geschlossenen Welt des Mittelalters und des Altertums unendliche Horizonte öffnen und unbegrenzte Naturschätze verfügbar werden. Aber schon im 19. Jahrhundert wurde erkannt, dass es auf einem begrenzten Planeten keine grenzenlosen Reservoire geben kann, und der 1. Hauptsatz der Thermodynamik machte dies zu einer unerschütterlichen wissenschaftlichen Gewissheit.




 
 
 
 
 
 
AUSSTIEG AUS DEM CRASH