Ausstieg aus dem Crash

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Zurück in die Zukunft

"Diese beiden Generationen stehen vor der Herausforderung, die wesentlichen Entwicklungslinien der menschlichen Entwicklung vollkommen umzukehren, Jahrtausende alte Gewissheiten abzulösen, ja geradezu in ihrer Wirkungsrichtung umzukehren. Sie müssen die Welt in eine völlig neue Richtung führen, weg von einem seit Jahrtausenden wirksamen Wachstumspfad - bezüglich Menschen, Gütern und Geschwindigkeit - hin zu einer globalen Stabilisierung. Entweder dies gelingt diesen zwei Generationen, oder aber das Gesamtsystem gerät in eine furchtbare Katastrophe. Es wird jetzt niemand mehr überraschen, dass wir zu den zwei Generationen gehören, die diese Aufgabe werden bewältigen müssem. Ein Ausweichen ist nicht mehr möglich." Franz Josef Radermacher

Mit der Einführung der CO2-Wirtschaft wird primär das Ziel verfolgt, die Klimakatastrophe abzuwenden oder zumindest abzumildern. Die "ökologische Dividende" geht jedoch weit über dieses Ziel hinaus. Sie äußert sich darin, dass das menschliche Wirtschaften an eine begrenzte natürliche Ressource (CO2) angebunden wird. Das bedeutet, dass die menschliche Existenz und Kultur in ihrer Entfaltung so begrenzt werden, dass sie die Existenz aller übrigen Lebewesen und Ökosysteme, die natürlicherweise diesen Grenzen unterliegen, nicht gefährden können. Damit wäre der radikale Kurswechsel erzielt, den Radermacher postuliert. Der Aufsatz Entwurf einer Ökonomie mit eingebauter Nachhaltigkeit beschreibt diesen Zusammenhang.

Die Hoffnung oder das Versprechen, dass mit einem solchen Kurswechsel das Überleben der Menschheit auf einer lebenswerten Erde gesichert wäre, hat allerdings eine begrenzte Haltbarkeitsdauer. Zu weit sind bereits die Schädigungen lebenswichtiger Systeme des Raumschiffs Erde vorangeschritten, und zu übermächtig ist die Dynamik der Globalisierung des westlichen Lebensstils. Im dritten Teil der 2007er-Studie der UN-Klimakommission IPCC steht die Warnung, dass die Trendwende bis 2020 geschafft sein muss.

Gibt es also noch eine Chance auf einen Ausstieg aus dem Crash? Die Antwort ist ja, unter ganz klaren Bedingungen:

1. eine Begrenzung des Syntropieverbrauchs der Menschheit auf ein Budget, das mit der Erhaltung der Tragfähigkeit der Biosphäre vereinbar ist; d.h. leichte Anhebung des Verbrauchsniveaus in vielen Ländern der Dritten Welt und Reduzierung in den Industrieländeren auf ein Drittel des derzeitigen Standes (das Element A = Affluence/Wohlstand in der IPAT-Gleichung):

I = P * A * T
Impact = Population * Affluence * Technology

Auswirkung = Bevölkerung * materieller Wohlstand * Technik


2. Schaffung der Bedingungen, die den demographischen Übergang zu einer stabilen Weltbevölkerung fördern.

Der Pakt mit der Natur, der auf die Erfüllung der ersten Bedingung gerichtet ist, muss ergänzt werden durch einen Völkervertrag, der die Voraussetzungen für die Erfüllung der zweiten Bedingung schafft .

Wenn die zurückgebliebenen Länder auf eine Stabilisierung der Bevölkerung einschwenken sollen (IPAT - P), muss ihnen die Erreichung eines Wohlstandniveaus ermöglicht werden, das - mit einer ausreichenden Sicherheitsmarge - die Erfüllung der Grundbedürfnisse und ein bescheidenes Maß an Komfort gewährleistet (s.o. Punkt 2). Voraussetzung dafür ist die entschlossene Hilfe der Industrieländer bei der Schaffung zivilgesellschaftlicher Strukturen; ein Schuldenerlass, der an die Bedingung geknüpft ist, dass die erlassenen Gelder für soziale und ökologische Zwecke verwendet werden; die Hilfe bei der Schaffung der Möglichkeiten der Familienplanung, zu der sich die Industrieländer bei der Bevölkerungskonferenz von Kairo verpflichtet haben; Hilfe bei der Einführung der besten und best angepassten Techniken zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Absorptions- Regenerationsfähigkeit der Lebenserhaltungssysteme (dazu gehören ökologische Landwirtschaft, nachhaltige Forstwirtschaft, wassersparende und bodenschonende Bewässerungsmethoden, Nutzung der Solarenergie, Förderung der self-reliance (s. Harborth 1991)).

Die Selbstbegrenzung der Industrieländer (IPAT - A) ist eine weitere notwendige Voraussetzung für die Wohlstandssteigerung in den Entwicklungsländern - sie macht den dafür erforderlichen Umweltraum frei. Das ressourcenbegrenzte Wirtschaften schafft auch eine dritte notwendige Voraussetzung: ein globalisierbares und zukunftsfähiges Modernisierungsmodell (IPAT - T).

Die Hoffnung, von der ich spreche, ist also kein vages Gefühl, kein wolkiger Wunschtraum, sondern ein ganz konkretes Szenario, dessen Verwirklichungschancen durchaus realistisch sind, wenn wir die dafür notwendigen Bedingungen schaffen. Dieses Sezanrio antwortet auf die Frage: Wie könnte die Welt im Fall einer bewusst auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit gerichteten Entwicklung im Jahre 2025 aussehen? Bevor ich es ausmale, skizziere ich das Gegenszenario, die Welt, auf die wir uns einrichten müssen, wenn wir den Dingen ihren jetzigen verhängnisvollen Lauf lassen. Ein apokalyptisches Horrorgemälde? Nein - es geht darum, wie Klaus Töpfer in einem Fernsehgespräch sagte, "klar zu machen, was passiert, wenn nichts passiert".


8.1 Weiter so bis zum Crash: Was passiert, wenn nichts passiert
(Crash-Szenario)

° Das Globalisierungsmodell der 90er Jahre (forcierte Rationalisierung der Produktion infolge des grenzenlosen brutalen Wettbewerbs) macht steigende weltweite Arbeitslosigkeit zu einem Dauerzustand.

"Der Human Development Report 1993 der UNO schätzt: »Wenn man die Zahl der heute weltweit Arbeitslosen oder Unterbeschäftigten berücksichtigt, werden in der nächsten Dekade weltweit etwa eine Milliarde neuer Arbeitsplätze benötigt. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass diese Arbeitsplätze geschaffen werden«" (Afheldt 1994:58).

° Wenn Bodenerosion und Entwaldung mit dem heutigen Tempo noch 40 Jahre weitergehen, wird es 2030 960 Milliarden Tonnen weniger Mutterboden geben (das ist die doppelte Menge des Ackerbodens der USA) und 440 Millionen Hektar weniger Wald (das entspricht der halben Landfläche der USA) (WWI 1990:184).

° 900 Millionen Menschen leiden unter akutem Wassermangel (Q89).

° "Nationen wie China, Ägypten, Indien, Indonesien und Peru gewinnen heute mehr als 50 Prozent ihrer Nahrungsmittelversorgung von bewässertem Land" (Kennedy 1993:136). Jedes Jahr wird den Flüssen, Strömen und unterirdischen Wasseradern der Welt eine gewaltige Menge an Wasser entzogen - man schätzt, dass sie sechsmal so groß ist wie der jährliche Durchfluss des Mississippi (Kennedy 1993:136). Wenn dieser Umgang mit Boden und Wasser noch einige Jahrzehnte weitergeht, werden diese kostbaren Ressourcen um die Mitte des Jahrtausends, wenn die Weltbevölkerung 10 Milliarden erreicht hat, irreversibel geschädigt sein.

In den Vereinigten Staaten werden über vier Millionen Hektar landwirtschaftlicher Ertragsflächen mit Grundwasser bewässert, das rascher gefördert wird, als sich die wasserführenden Schichten nachfüllen. In Bangkok und Mexiko City senken sich Bauwerke, weil zuviel Grundwasser abgepumpt wird und die Bodenschichten nachgeben. In Peking fällt nach vorliegenden Berichten der Wasserstand in den Brunnen jährlich um etwa einen Meter, in Manila zwischen vier bis zehn Meter und in dem indischen Staat Tamil Nadu um 25 bis 30 Meter. Unter den Küstenstädten wie Dakar, Jakarta, Lima und Manila dringt salziges Seewasser in die abgepumpten grundwasserführenden Schichten (s. "Klemme" in L3.10).

° Eine Weltpolitik, in der es um die Eroberung von Märkten und den Zugang zu Rohstoffvorkommen geht, hat anderes zu tun, als sich um die Eindämmung des Bevölkerungswachstums zu kümmern. Es wächst immer noch die breite - junge - Basis der Bevölkerungspyramide, die zur nächsten sich reproduziereden Elterngeneration wird. Die Wachstumsraten haben sich so wenig verringert, dass bis zum Jahr 2070 mit einer Weltbevölkerung von über 13 Milliarden Menschen zu rechnen ist.

Eine Bevölkerungspolitik, die gleich am Anfang des Jahrhunderts mit großen Anstrengungen baldige Erfolge erzielt, wirkt sich im Jahr 2070 mit drei Milliardeen Menschen weniger aus als dieselben Bemühungen, die nur langsam einsetzen und erst in Jahrzehnten wirksam werden. "Schnelle Erfolge bei der Familienplanung zählen doppelt; um das heute Versäumte nachzuholen, bedarf es später um so größerer Anstrengungen" (Birg 1996).

° Die CO2-Emissionen steigen weiter; aber selbst wenn sie nach den mühsamen Kompromissen von Kyoto und Buenos Aires auf den Stand von 1990 eingefroren werden, wird die globale Temperatur ansteigen. Dürren, Missernten (bei gleichzeitg wachsender Weltbevölkerung), Nahrungsmittelknappheit bis hin zu Hungersnöten, weitere Ausbreitung der Wüsten, wachsende Wasserknappheit, weiterer großflächiger Verlust von Wäldern durch Brände und Brandrodungen werden die Folge sein. Die riesigen Brände in den tropischen Wäldern Asiens und Südamerikas, die 1997/98 durch El Ni

ño verstärkt auftraten, könnten eine "preview" dessen sein, was 2025 zur Regel geworden ist.

Globale Erwärmung - lokale Klimaveränderung

Das Fraunhofer-Institut für Atmosphärische Umeltforschung in Garmisch-Partenkirchen hat die großen globalen Klimamodelle auf das Kleinklima einer deutschen Region, nämlich Bayerns, heruntergerechnet.

"Wenn der Ausstoß von CO2 weiter so ansteigt wie in der Vergangenheit (rund ein Prozent pro Jahr), würden die Wintertemperaturen in Bayern in der zweiten Hälfte des kommenden Jahrhunderts um ein Grad ansteigen, im August aber bis zu sechs Grad" (Q36) "Die Regel wären dann trockene, heiße Sommer, wie man sie nur von den Ländern des Südbalkans kennt. Seiler und sein Team sehen die Ursache darin, dass die Tiefdruckgebiete aus dem Nordwesten, die regelmäßig auch im Sommer in Süddeutschland für Regen und damit für Abkühlung sorgen, nicht mehr dorthin durchkommen werden" (Q06). "Nach der Modellrechnung nimmt der Regen im Sommer ab und fällt außerdem verstärkt in Form von heftigen Gewittern - dann kann der Boden das Wasser nicht mehr vollständig aufnehmen". So werden die Böden im Sommer allgemein trockener, Wälder könnten vertrocknen, der Grundwasserspiegel sinkt ab, vielen Seen drohen Wassertiefstände, Bäche und Flüsse versiegen, die Isar trocknet im Sommer aus. "An das trockene Klima sei die bayerische Vegetation nicht angepasst. »Besonders unsere Fichten-, Tannen- und Kiefernwälder reagieren darauf sehr empfindlich,« sagt der Institutschef Seiler. »Und es gäbe mehr Waldbrände« - so heftig, wie man sie nur aus den Mittelmeerländern kenne und gerade bei Athen gesehen habe" (Q36).

"Steigen die Temperaturen weiter", schreibt das Intergovernmental Panel on Climate Control (IPCC), das führende Gremium von Klimawissenschaftlern der Vereinten Nationen, "würden zum Beispiel die Malariaüberträger neue Lebensräume erobern und in Gebiete zurückkehren, aus denen sie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts vertrieben wurden. ... Die Expansion der Mücken bekämen Menschen in den höheren Lagen der Tropen und Subtropen zu spüren, aber auch die Bewohner der gemäßigten Breiten Europas und Nordamerikas ... Schon ein kleiner Temperaturanstieg von weltweit nur 1,16 Grad Celsius könnte die Ausbreitung des Denguefiebers vor allem in den gemäßigten Zonen Europas und den USA fördern. ... Die Folgen höherer Temperaturen, warnt der Würzburger Professor Klaus Fleischer, seien in der Karibik und den Südstaaten der USA schon zu sehen. Dort ist die mittlere Temperatur in den vergangenen Jahren um 0,7 Grad gestiegen, Anophelesmücken können nun überwintern" (Q25).


° China hat seine Stromerzeugung aus Kohle gegenüber 1995 verdreifacht und setzt damit mehr CO2 frei als die USA und Sowjetunion zusammengenommen. Wenn die CO2-Emissionen in den Schwellen- und Entwicklungsländeren wie bisher um jährlich 5 % ansteigen, werden sie sich in 25 Jahren verdreifacht haben.

° Durch die globale Erwärmung werden die Tundragebiete Eurasiens angegriffen. Durch das Auftauen der Permafrostzonen wird in großen Mengen Methan freigesetzt, das den Treibhauseffekt weiter anheizt (s. L5.2).

° Die fortschreitende Verschlimmerung der Lebensverhältnisse in Afrika, dem vorderen Orient und und Südasien führen dazu, dass immer mehr Menschen mit allen Mitteln versuchen, in die noch relativ wohlhabenden Länder Europas zu fliehen.

Staaten wie Indonesien oder China sehen den einzigen Ausweg darin, ihre Länder nach dem Muster der Industriestaaten zu modernisieren.

"Die Regierung von Indonesien erklärte in öffentlichen Anzeigen, dass »20 Prozent der Wälder des Landes in Plantagen für Teakholz, Gummi, Reis, Kaffee und andere Fruchtarten verwandelt werden müssen, da die 170 Millionen Einwohner des Landes dieselben Erwartungen haben wie jeder Bürger der Vereinigten Staaten«" (Kennedy 1993:133).

China plant, das Realeinkommen pro Kopf auf 11 000 $ anzuheben. Das heißt, dass sich das chinesische BIP verfünfzigfacht und dass sich die Welt-Konsumentenklasse (s. Kap. 4.3) verdoppelt.

° Die Mikroelektronik, eine der Basisinnovationen des 21. Jahrhunderts, hat sich im Dienst der Kapitalverwertung zu einer weltumspannenden, alles durchdringenden Technologie der Beobachtung, Kontrolle und Steuerung entwickelt. Sie überzieht - in Form der Sensorik, der Informationsverarbeitung, der Telekommunikation, der Telematik - wie eine zusätzliche Atmosphäre den Globus, und sie ist zu einer so perfekten Abbildung der Geld- und Kapitalströme geworden, dass das eine nur noch theoretisch von dem anderen zu unterscheiden ist. Die Entscheidungen, die in dieser Sphäre fallen, und die Bewertungen und Abwägungen, auf die sie sich stützen, sind elektronischen Programmen anheimgegeben, die auf die globale Maximierung von Renditen gerichtet sind - für menschliche, soziale und politische Entscheidungen ist darin kein Platz.

° Die "Life Sciences"36, die zweite große Basisinnovation des Jahrhunderts, haben sich der genetisch gespeicherten Intelligenz der Biosphäre bemächtigt, um sie nach allen Regeln der Kunst für die Kapitalverwertung und -vermehrung auszubeuten. (Die Entwicklung der Mikroelektronik und insbesondere der elektronischen Informationsverarbeitung hat dafür die technischen Voraussetzungen geschaffen). Die Risiken der Gentechnik werden in Kauf genommen - nicht um Verhütungsmittel für die Armen, sondern Lifestyle-Medikamente (Schlankheitsmittel, Haarwuchsmittel, Potenztabletten) für die kaufkräftige Konsumentenklasse zu entwickeln. Die Nutzung des genetischen Erbes wird ausschließlich von Verwertungsinteressen bestimmt. Die Forschungsanstrengungen richten sich nicht auf die Bekämpfung der endemischen Krankheiten wie Malaria, Denguefieber und Flussblindheit, denen Millionen Menschen in den Entwicklungsländern zum Opfer fallen, sondern auf kostspielige Behandlungsmethoden, mit denen sich das Leben zahlungskräftiger Schichten in den Industrieländern verlängern lässt. Während die Life-Science-Konglomerate in den reichen Ländern neue Bedürftigkeiten kreieren und befriedigen, schaffen sie in den zurückgebliebenen Ländern neue verheerende Knappheiten - das Saatgut, das die Bauern seit Jahrtausenden für die nächste Aussaat aufhoben, ist jetzt privatisiert und muss jedes Jahr neu von den Bio-Multis gekauft werden.

° "Der Hunger und die Unterernährung, die in den achtziger Jahren schon große Teile Afrikas und Lateinamerikas überflutet haben, werden sich weiter ausbreiten. Die Zahl der Länder, in denen die Kindersterblichkeit steigt und die Lebenserwartung zurückgeht..., wird zunehmen. Durch Hunger verursachte Unruhen werden alltägliche Erscheinungen, und die Kluft zwischen Besitzenden und Armen vertieft sich; die politischen und gesellschaftlichen Institutionen lösen sich auf" (WWI 1989/90).

Die Anbaufläche pro Kopf der Weltbevölkerung liegt heute bei 0,28 Hektar. Bis 2025 steigt die Bevölkerung voraussichtlich auf 8 Milliarden. Wenn man annimmt, dass sich die Anbaufläche noch um 5 % steigern lässt, sinkt die Landfläche pro Kopf auf 0,19 Hektar, also um ein Drittel.

Das ist allerdings nur das halbe Bild. Zum Bevölkerungswachstum gibt es eine symmetrische Gegenbewegung: In den nächsten 30 Jahren gehen der Landwirtschaft 700 Milliarden Tonnen Mutterboden verloren - mehr als die gesamte Anbaufläche der Vereinigten Staaaten. Jedes Jahr verwandeln sich 6 Millionen Hektar Land in Wüste.

° Die Lebenserhaltungssysteme des Planeten stehen sichtbar unter Stress. Die ungewöhnlich häufigen Wirbelstürme, die riesigen Waldbrände und Überschwemmungen der 90er Jahre sind zur Regel geworden, und sie haben an Wucht zugenommen. Die Sommer in Mitteleuropa sind so heiß geworden, dass es in Häusern ohne Klimaanlage kaum mehr auszuhalten ist.


8.2 Ausstieg aus dem Crash: Einstieg in die nach-industrielle Solarwirtschaft

Auch dieses Szenario ist keine Vision, an die man nur zu glauben braucht, damit sie sich verwirklicht, sondern sie skizziert, wie die Welt 2025 aussehen könnte, wenn die Bedingungen für eine auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit gerichtete Entwicklung geschaffen werden.


Energieversorgung

° Die Energieversorgung ist weitgehend auf Sonne umgestellt. Die Warmwasserbereitung wird fast überall mit Sonnenkollektoren besorgt. Die erforderliche Heizenergie ist durch Solararchitektur und Isolierung bereits drastisch reduziert; was noch an Wärme benötigt wird, wird von Sonnenkollektoren und als Fern- (richtiger: Nah-)Wärme von Blockheizkraftwerken geliefert.

Schon 1993 gab es Modellhäuser, die so zweckmäßig gestaltet und so gut isoliert waren, dass sie nur noch ein etwa 7 Prozent der Heizenergie brauchten, die in einem normalen Haus verfeuert werden muss (Passivhaus Darmstadt-Kranichstein, s. Q85). Mit Hilfe des CO2-Budgets wurden solche Bauweisen in wenige Jahren zum Standard.

Blockheizkraftwerke und Einzelheizungen werden, soweit dies im Winter zusätzlich nötig ist, mit Holzpellets gefüttert.

Heizen mit Holz KK82

Heizen mit Holz ist CO2-neutral. Das nachwachsende Holz nimmt das freigesetzte CO2 wieder auf. "Holzpellets bestehen zu hundert Prozent aus naturbelassenem Holz. Als Rohstoff dienen Hobel- und Sägespäne, die in der holzverarbeitenden Industrie als bisher schlecht genutztes Nebenprodukt in großen Mengen anfallen. Ohne Zugabe von Bindemitteln wird der unbehandelte Rohstoff unter hohem Druck verdichtet und pelletiert. Es entstehen kleine zylindrische Röllchen" - leicht zu handhaben, und keine schweißtreibende Mühe beim Sägen und Spalten (Q77).


° Licht und mechanische Energie: Alle geeigneten Flächen von Gebäuden (Dächer und Fassaden) sind mit Solarzellen zur Stromerzeugung bedeckt. Der Strom für die sonnenlose Zeit wird durch Kraft-Wärme-Kopplung in Bockheizkraftwerken gewonnen, die mit Biomasse und Gas aus Verschwelung und Vergärung organischer Abfälle und mit Pflanzenöl betrieben werden. Pflanzenöle, Biogas, Wasserstoff und Methan dienen als Energiespeicher und liefern die mechanische Energie für mobile Anwendungen, die nicht mit Solarstrom betrieben werden können.

In gemäßigten Zonen wird die direkte Sonnenergienutzung mit Solarkollektoren und photovoltaischen Anlagen durch mehr Wasser- und Windkraft ergänzt, in Südostasien mehr durch Holz und landwirtschaftliche Abfälle; in Afrika und im Nahen Osten bestreitet die direkte Sonneneinstrahlung den Löwenanteil.

Durch die Begrenzung des CO2-Budgets ist die Photovoltaik, die die Energieversorger jahrzehntelang als "unwirtschaftlich" abgetan hatten, mit einem Schlag konkurrenzfähig geworden. Innerhalb weniger Jahre sank der Preis für ein großzügig bemessenes Solarkraftwerk von 4 kW für einen Vier-Personen-Haushalt von 30 000 auf 5000 D-Mark. In den Übergangsjahren gab es Wartezeiten auf Photovoltaik-Anlagen von bis zu zwei Jahren.

Die Förderprogramme des Staates und der Kommunen für erneuerbare Energien wurden selbstverständlich eingestellt, aber rein rechnerisch hätte die flächendeckende Ausrüstung der Republik mit mit Solaranlagen von den öffentlichen Haushalten bezahlt werden können - aus den durch die Reduzierung des Treibhauseffekts vermiedenen Schäden.

° Solar Clubs und Solarvereine, wie es sie schon 1998 in Bristol oder in Rosenheim gab, sind so selbstverständlich an jedem Ort zu finden wie Sportvereine und Freiwillige Feuerwehr. Sie veranstalten Selbstbaukurse, haben eigene Werkstätten, in denen Mitglieder schwierigere Arbeiten machen können, verleihen Spezialwerkzeug, stellen Berater zur Verfügung, die auch die fertigen Anlagen prüfen und abnehmen. Außerdem finden sich dort Gleichgesinnte, die sich bei ihren Energieprojekten gegenseitig helfen.

° Saubere, photovoltaisch erzeugte Elektrizität ist dabei, Kohle, Erdöl und Erdgas vollständig abzulösen. Die fossilen Energieträger mit ihren verheerenden Nebenwirkungen für die menschliche Gesundheit, für das Klima und für alles Leben auf der Erde werden inzwischen als eine der kardinalen Verirrungen des Industriezeitalters empfunden.

Andererseits gehört die Elektrizität (zusammmen mit den in Umlauf befindlichen Metallen) zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der vergangenen Epoche. Sie ist nicht nur eine saubere, überall erzeugbare, universal einsetzbare Energieform, sondern sie ist auch die Voraussetzung für die Mikroelektronik. Die elektronische Sensorik, Kommunikation, Informationsverarbeitung und Steuerung sind zur wichtigsten Technik für eine behutsame, den natürlichen Prozessen angepasste Gestaltung des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur geworden.


Umweltverträgliche Technik

° Effizienzverbesserungen, die schon mit dem Stand der Technik der Jahrhundertwende (ohne bahnbrechende technische Erfindungen und Entdeckungen) möglich waren, haben sich durchgesetzt:

- Beleuchtung mit dreifachem Wirkungsgrad.
- Häuser brauchen noch ein Drittel der Energie der sparsamen schwedischen Häuser von 1990.
- Effizienzverbesserung von Elektromotoren und elektronische Steuerung haben hunderte von Kraftwerken überflüssig gemacht.
- An die Kernenergie würde sich niemand mehr erinnern, wenn es nicht noch immer radioaktive Altlasten zu entsorgen gäbe.
- Der Kühlschrank und die Kühltruhe in Amory Lovins' Rocky Mountain Institute brauchten schon in den 90er Jahren nur 8 bzw. 15 % des üblichen Stroms (Weizsäcker/Lovins 1995:40).
- Obwohl es schon Ende des Jahrhunderts Automodelle mit einem Verbrauch von 3 Liter pro 100 km gab, lag der Durchschnittsverbrauch immer noch bei neun Litern. Durch die Ultraleichtbauweise und ein komplettes Redesign, wie es von Lovins vorgeschlagen wurde, konnte der Verbrauch auf ca. 1,5 l/100 km gedrückt werden (Weizsäcker/Lovins 1995:36).

° Einfache, praktisch wartungsfreie Anlagen machen es möglich, selbst in Trockengebieten mit minimalen Regenfällen Wasser mit Solarenergie aus der Luft zu gewinnen. Die Anlagen, die schon Ende der 90er Jahre in der Entwicklung waren, saugen in der Nacht die Feuchtigkeit aus der Luft und binden sie an ein "Gemisch aus verschiedenen Polymeren, aus Kohle und aus sogenannten Zeolithen - das sind porendurchsetzte Silikate... Mit Hilfe von Energie aus Sonnenkollektoren und aus Windkraftanlagen speit das Adsorbens nach Erhitzen das Wasser wieder aus - über Kondensationsrohre in Behälter, denen es dann entnommen wird" (Q89).


Recycling

° Um die Jahrtausendwende wurden noch zwei Drittel des Aluminiums, die Hälfte des Papiers, drei Viertel des Stahls und vier Fünftel der Kunstsstoffe auf den Abfall geworfen.

Jetzt werden Rohstoffe so weit recycliert, wie es technisch überhaupt möglich ist - frische Rohstoffe sind CO2-mäßig unerschwinglich geworden. Die Aluminium-Herstellung aus Schrott verbraucht nur 5 % der Energie gegenüber Aluminium, das aus Bauxit gewonnen wird. Bei der Stahlherstellung aus Schrott beträgt die Energieeinsparung ca. 60 %. Bei der Herstellung von Papier aus Altpapier werden nicht nur 25-60 % Energie eingespart, sondern gleichzeitig die Wälder und das Wasser geschont.

Die größten Einsparungen resultieren jedoch nicht aus Recycling, und auch nicht aus der reduzierten Produktion von Abfällen, sondern aus dem sinkenden Verbrauch: Da die Güter auf Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit angelegt sind, halten sie drei bis zehnmal so lang wie die auf maximalen Durchsatz optimierten Konsumgüter der Verschwendungswirtschaft (s. L3.4).

Wiederverwendung: Teuer (in real terms) ist nicht mehr die Arbeit, sondern das Material. Daher ist es unvorstellbar geworden, dass man wie im letzten Jahrhundert Gebäude mit der Abrissbirne niederreißt und alles - Dachpfannen, Holzbalken, Stahlträger, Fenster, Türen, Dechrinnen (alles noch bestens erhalten) auf die Deponie fährt. Das (in real terms) radikal veränderte Kostenverhältnis zwischen Arbeit und Lagerfläche einerseits und Energie und Material andererseits hat zur Folge, dass Baustoffe aussortiert, gelagert und wiederverwendet werden.


Kreislaufwirtschaft

° Die vorgenannten Punkte Recycling, Einsparung, Wiederverwendung sind Elemente einer Kreislaufwirtschaft (s. L3.4 und L5.7), die in der Zeit der Verschwendungswirtschaft (1996) schon einmal per Gesetz eingeführt wurde. Das Gesetz hatte damals keine Chance - in einem ressourcenbegrenzten Regime dagegen verwirklicht sich die Kreislaufwirtschaft ganz von selbst ohne gesetzliche Vorschriften und Auflagen, ganz einfach deshalb, weil sie der puren ökonomischen Vernunft entspricht.

Die meisten Wirtschaftsprozesse sind in einer früher ungekannten Weise miteinander vernetzt: Das Zero-Emissions-Konzept (s. KK83) hat sich flächendeckend durchgesetzt. Der Abfall eines Produktionsprozesses wird solange als Input für eine andere Produktion verwendet, bis nur noch sauberes Wasser oder CO2 (in Höhe des eingesetzten Kohlenstoffs) in die Umwelt abgegeben werden. Was 1998 noch als Pioniertat galt, ist zum selbstverständlichen Stand der Technik geworden, wie z.B. die Zero-Emission-Brauerei.

Zero Emission in Aktion

In der traditionellen Brauerei wird dem Malz (das aus Gerste oder Weizen hergestellt ist) lediglich der Zucker entzogen, die Proteine und die Fasern sind ein Abfall, der ans Vieh verfüttert wird. Das klingt zwar nach ökologischer Wiederverwendung, führt jedoch in Wahrheit zu einer schlimmen Art von Emissionen: Methan aus Rindermägen. Das liegt daran, dass die Rinder die Ligninfasern aus dem Malz nicht abbauen können.

In der Zero-Emission-Brauerei werden die Brauabfälle ausgebreitet und mit Pilzkulturen geimpft, die mit ihren Enzymen die Fasern abbauen können. Aus einer Tonne Brauereiabfall werden zwischen zweihundertfünzig und sechshundert Kilogramm Pilze, die die Fasern teilweise in Kohlehydrate umgewandelt haben. Wenn die Rinder mit diesen Pilzen gefüttert werden, reduziert sich ihre Produktion von Methangas um dreißig bis vierzig Prozent (Q95).


° Durch die CO2-Anlastung hat sich der Papierverbrauch in den Industrieländern (1997: Deutschland 200, Japan 230, USA 320 kg pro Kopf) halbiert, vor allem durch den drastischen Rückgang der Papierverschwendung im Bereich Verpackung und Werbung. (Am Ende des Jahrhunderts hatte man geschätzt, dass er sich innerhalb von 15 Jahren noch einmal verdoppeln würde (Q29)). In den Entwicklungsländern hat der Anstieg aufgehört. Etwa die Hälfte des Holzverbrauchs in den USA wurde eingespart, indem "man den Ausnutzungsgrad von Sägewerken und Fabriken zur Sperrholzherstellung sowie von Holzkonstruktionen verbessern, die Recyclingquote für Papierprodukte verdoppeln und den Gebrauch von Wegwerfverpackungen aus Holz, wie etwa für Verpackungen, reduzieren" konnte (Meadows 1992:90).


Land- und Forstwirtschaft

° Der Holzexport der Entwicklungsländer ist nicht zum Stillstand gekommen, sondern er verlagert sich (bei geringerem Volumen) auf Tropenholz aus Plantagen, die nicht auf Kosten bestehender gesunder Wälder, sondern auf Einschlagflächen und Brachland angelegt wurden. Die Subventionierung des Holzeinschlags hat aufgehört, weil es für die Exportwirtschaft aufgrund der hohen CO2-Kosten bei der Rodung von Primärwäldern nichts mehr bringen würde. Die Preise der Holzprodukte sind beträchtlich gestiegen (zumal die Urprungsländer nicht mehr Stämme, sondern verarbeitete Produkte ausführen), dadurch ist der Holzverbrauch zurückgegangen, und die Einschlagmengen sind unter die Grenze der Nachhaltigkeit gefallen. "Alle hier vorgeschlagenen Maßnahmen sind durchführbar. Jede einzelne wird schon irgendwo auf diesem Planeten praktiziert, aber eben nicht weltweit. Deshalb gehen die Wälder weiter zurück", schrieben die Autoren der Neuen Grenzen des Wachstums (1992). In der ressourcenbegrenzten Wirtschaft steht diesem vernünftigen Umgang mit dem Naturvermögen nichts mehr im Wege, weil alles andere wirtschaftlich unsinnig geworden ist.

Die Anlage von Palmölplantagen nimmt nicht ab, sondern eher zu: Pflanzenöle aller Art sind zu den wichtigsten Exportgütern der tropischen und subtropischen Länder geworden. Sie können auf fast allen Gebieten, als Treibstoffe ebenso wie als Rohstoffe für Fette, Kosmetika und Waschmittel das klimaschädliche Erdöl ersetzen. Es werden allerdings in wachsendem Umfang nicht die Rohstoffe, sondern die Zwischen- und Veredelungsprodukte exportiert, wodurch ein größerer Anteil der Wertschöpfung in den Exportländern verbleibt. Aufgrund der CO2-Belastung können ohnehin keine Massengüter mehr von Kontinent zu Kontinent transportiert werden. Ein weiterer großer Unterschied: die Pflanzenölplantagen werden, im Gegensatz zu den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen z.B. in Indonesien stündlich Wälder in der Größe von 1000 Fußballfeldern durch Brandrodung zerstört wurden, nur noch auf Flächen angelegt, die bereits gerodet sind und aufgeforstet werden müssen.

° Im Mittleren Westen der USA sind die endlosen Rindermastfarmen verschwunden - einerseits fehlt das Wasser, das früher aus der Grundwasserschicht hochgepumpt wurde, und anderseits ist der Fleischkonsum drastisch zurückgegangen. Stattdessen ist das flache Land mit zehntausenden von Windgeneratoren bedeckt, die großen Städte wie Kansas City und Denver mit Strom versorgen; auf den freigewordenen Flächen wächst Schilfgras, das zu Methan verarbeitet wird (s. KK65).

Auch die quadratkilometerweiten Kartoffelmonokulturen haben sich verkleinert - erstens, weil das das Wasser zu kostbar ist und zweitens, weil Hamburger-Ketten als Großabnehmer von Jahr zu Jahr schrumpfen. Das Land ist zum Teil aufgeforstet, auf einem Teil der Fläche wachsen Ölsaaten und Ölfrüchte (neben Raps und Sonnenblumen gibt es ein paar hundert weitere geeignete Ölpflanzen), aus denen Treibstoff gewonnen wird.

Auf marginalen Böden werden Schilf und schnellwachsende Bäume gepflanzt zur Erzeugung von Ethanol.

° In sonnenreichen Regionen werden in durchsichtigen Tanks Algen (z.B. Chlorella) gezüchtet, die mit Methanbakterien fermentiert und auf diese Weise zur Methanerzeugung genutzt werden (Meier 1956).


Reisen, Verkehr, Siedlungsstrukturen

Ein Blick zurück:

"Die Statistiken des Reisemarktes sind eindeutig: Der Trend zum Kurzurlaub unter 14 Tagen, zu einwöchigen Reisen und aufwendigen Ausflügen über verlängerte Wochenenden hält ungebrochen an. Zwei oder drei Urlaube mit Fernreisezielen sind bei vielen zur Normalität geworden: Zehn Tage Seychellen, vierzehn Tage Fuerteventura, eine Woche Skiurlaub in Südtirol und ein paar verlängerte Wochenenden irgendwo im europäischen Ausland lassen sich - geschickte Feiertagsplanung vorausgesetzt - locker verwirklichen. Da sind 30, 40 tausend Flugkilometer und ein paar tausend Autokilometer schnell beisammen - jedes Jahr" (ein Bericht von 1997, Q50).

° Dieser Trend ist 2025 nicht nur gebrochen, sondern taucht nur noch in Horrorstories über das letzte Jahrhundert auf. Die arbeitsfreien Zeiten haben so zugenommen, dass es ohnehin nur noch ein permanenter Stress wäre, sie ganz mit Reisen oder gar Fernreisen zu füllen. Sie verlangen im Gegenteil danach, für langfristige, sinnvolle Projekte und Beschäftigungen genutzt zu werden. Menschen bauen und renovieren ihre Häuser und die ihrer Freunde und Nachbarn, sie sind in lokalen Vereinen, die ihre eigenen Fußball-, Tennis- und Volleyballplätze herrichten und pflegen, sie bauen in ihren Gärten und Treibhäusern Obst, Gemüse und Blumen an. Manche haben Werkstätten, in denen sie Fahrräder reparieren und zu Fantasiefahrzeugen umbauen und defekte Haushaltsgeräte wieder herrichten. Andere haben sich die Werkzeuge und die speziellen Kenntnisse für Wärmeisolierung, für den Bau von Wintergärten oder von Solaranlagen zugelegt. Es gibt überall Werkstatt- und Gartenbaukooperativen, in denen man mitarbeiten und in denen man sich beraten lassen kann. Hier und in den anderen lokalen Betrieben sind Schulklassen willkommen; Kinder und Jugendliche finden hier bereitwillige Lehrer, die ihre Neugierde befriedigen und ihnen ein Einblick ins Arbeitsleben geben. Die Menschen habe wiederentdeckt, wie man in einem dafür günstigen Gemeinschaftsklima selbst für sich und die Seinen sorgen kann. Sie erfahren dabei Gefühle von Anerkennung, Zugehörigkeit, Kompetenz und Unabhängigkeit, die mit Geld nicht zu bezahlen wären.

Die "Urlaubs"reisen, die noch unternommen werden, spielen sich normalerweise in der Region oder im eigenen Land ab, und sie werden im allgemeinen zu Fuß, mit dem Zug und/oder Fahrrad unternommen. Die Menschen haben ihre nähere und weitere Heimatregion wieder kennen, schätzen und schonen gelernt. Auf den überdimensionierten Autobahnen fließt nur noch ein dünner Verkehr, alle Flugplatzneubauten wurden im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts zu den Akten gelegt, und die Hälfte der bestehenden Flughäfen wurden bereits wegen ungenügenden Passagieraufkommens geschlossen (s. L5.12 Halbzeit). In den lichtdurchfluteten Hallen und Korridoren haben sich Hunderte von kleinen Gartenbaubetrieben angesiedelt, die mit raffiniert eingesetzter Sonnenenergie einen kleinen Teil der tropischen Früchte erzeugen, die hier in früheren Zeiten von Langstrecken-Cargojets eingeflogen wurden.

° Schon 1990, auf dem Höhepunkt des Autowahns, gab es auf der Welt doppelt so viele Fahrräder wie Autos (WWI 1990D:229). 2025 gibt es zehnmal so viel. Das Fahrrad ist zu einem ähnlichen Kultobjekt geworden, wie es das Auto einmal war. Es gibt Ultra-Leicht-Liegefahrräder, deren Besitzer auf den freigegebenen Autobahnspuren versuchen, die 100-kmh-Mauer zu durchbrechen. Am anderen Ende der Skala gibt es sechssitzige Tretmobile für Familienausflüge mit zusätzlichem Elektroantrieb und Solarzellen auf allen Flächen der Außenverkleidung.

° Schon in den 90er Jahren wurde von Menschen, die im Einklang mit ihren ökologischen Vorstellungen leben wollten, ein steigende Anzahl von Ökodörfern gebaut. Ein Vierteljahrhundert später ist der Bau von Ökodörfern die einzige Baubranche, die noch boomt. Dabei ist von der Bauindustrie, wie sie sich am Ende des Jahrhunderts darstellte, mit ihren riesigen Kränen, Zementcontainern, Flotten von Betontransportern, Baggern und LKWs, die Millionen Tonnen von Erde (und Milliarden DM von Investitionskapital) bewegten, nichts mehr zu sehen. Auf den Baustellen wimmelt es von Menschen, die sich in genossenschaftlichen Gruppen unter Anleitung von Fachleuten ihre Häuser selber bauen. Dadurch erwerben sie auch die notwendigen Kenntnisse, um die Häuser selbst zu pflegen und zu erhalten und bei Bedarf (Vergrößerung oder Verkleinerung der Familie oder Entwicklung zu einer größeren Wohngemeinschaft) zu verändern oder zu erweitern.

° Ökozentren wie das Energie- und Umweltzentrum am Deister und Machynlleth in Wales haben schon in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende als Pioniere all die Techniken entwickelt und in Kursen an eine kleine Schar von Umweltbewussten weitergegeben, die für eine nachhaltige Wohn- und Lebenweise notwendig sind, wie Selbstbau-Sonnenkollektoren und Biogasanlagen, Anlehngewächshäuser für den Energiehaushalt und die Selbstversorgung, Torftoiletten, Schilfklärteiche, Regenwasseranlagen, Lehmbau, Isolierverfahren mit Pflanzen- und Recyclingstoffen, Pflege- und Konservierungsmethoden ohne chemische Gifte, usw. Obwohl sie inzwischen viele Nachahmer gefunden haben, können sie die Nachfrage nach ihren Kursen und Dienstleistungen kaum befriedigen - die Fähigkeiten und Technniken, die hier vermittelt werden, sind wichtiger und sinnvoller und tragen mehr zur Lebensqualität bei als Geldverdienen.

° Die am Anfang oft als böswillige Öko-Tyrannei verfluchte CO2-Verknappung ist in eine Kulturrevolution umgeschlagen. Es wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit, dass Wünsche im Reich des Wünschens, Träume im Reich des Träumens, Bedürftigkeiten aus dem Bereich des Seelischen, Gemeinschaftsbezogenen, in dem sie ihre Wurzeln haben, befriedigt werden (oder zumindest bearbeitet; s. Kap. 4). Während sich die Älteren noch schaudernd an das konsumptive Hamsterrad erinnern, in dem man in ihrer Jugend von unstillbaren Wünschen getrieben hinter immer neuen Waren und Dienstleistungen herrannte, hören junge Menschen mit ungläubigem Staunen von dem abartigen Glauben der Menschen des 20. Jahrhunderts, immaterielle Bedürfnisse seien mit materiellen Mitteln zu erfüllen (umso abartiger, als er sie fast das Leben gekostet hätte).


Lokale Ökonomie, Self-reliance

° Die entstehende lokale Ökonomie wird weniger effizient im verengten betriebswirtschaftlichen Sinn. Sie wird deswegen, mit Verweis auf die gute alte Zeit, auch heftig kritisiert. Diese Kritik findet wenig Zustimmung, weil man erkannt hat, dass trotz der Effizienzverluste im Einzelfall bzw. im privatwirtschaftlichen Bereich sich das Ergebnis unterm Strich unvergleichlich verbessert hat:
- weniger Lärm und Luftverpestung durch einen einschneidenden Rückgang des Güterverkehrs, daher höhere Wohnqualität
- die Wälder fangen an, sich zu erholen
- weniger Zeit-, Geld- und Ressourcenverschwendung durch lange Fahrten zum Arbeitsplatz
- mehr Zeit für die Familie: weniger Familienstress, weniger broken families, weniger Jugend-Gewalt und Kinderkriminalität, weniger Drogen,
- mehr Zeit für Eigenarbeit, Entwicklung brachliegender Talente, Vielfalt der Tätigkeit, weniger Bedarf an Entertainment und Freizeitaktivitäten, dadurch weitere Verringerung der Ausgaben
- Zeit für Arbeit im Garten, mehr Selbstversorgung, weniger Abhängigkeit, Überschüsse an Obst, Gemüse, Kleintierprodukte für den lokalen Austausch, mehr Krisensicherheit, eine gesündere Lebensweise.

Blick zurück: In der Marktgesellschaft des zurückliegenden Jahrhunderts war alles zur Ware geworden, auch die notwendigsten Dinge der Lebenshaltung wie Brot, Obst, Gemüse, Getränke, Heizmaterial, Kleidung. Das heißt, ganz brutal, dass Menschen sofort in Armut und Not gerieten, wenn z.B. durch den Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr genug Geld hereinkam. Die Möglichkeit, durch Eigenarbeit und Eigeninitiative, durch die Einbindung in Familie und Nachbarschaft, durch Tausch und gegenseitige Hilfe den Lebensunterhalt zu bestreiten oder zumindest zu ergänzen oder aufzubessern, existierte nicht mehr.

° Nahrungsmittel werden nicht mehr aus der ganzen Welt und aus dem ganzen Land herantransportiert, sondern zum größten Teil im näheren Umland produziert. Das bedeutet, dass jetzt, statt 20 oder 30 % der Ausgaben für Lebensmittel, der größte Teil der Lebensmittelausgaben bei den Erzeugern ankommt, und dass dadurch das ganze irrsinnige System der Agrarsubv

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